Bin im Garten

Lebe das Klischee: Wie so viele Stadtbewohner träume auch ich vom Haus auf dem Land. Für mehr als einen Balkon hat es bisher nicht gereicht. Kurzzeitige Abhilfe schafft ein Gartenurlaub. Für den Standard habe ich mich in die Open-Air-Badewanne des wunderbaren Gut Guntrams gelegt.

Das Hawaiihemdfeeling im Glas

Deutschland trinkt Tiki – und ich sage das als jemand, der im Simon-Dach-Kiez lebt, wo die Cocktail-Happy-Hour gewissermaßen erfunden wurde. Dabei muss es weder Papierschirmchen sein noch Sex on the Beach. Robert Schröter hat für Zeit Online den Sommerdrink Pear Harbour kreiert, mit geräuchertem Birnenschnaps und Rum von den Spreewood Distillers. Und beweist damit, dass Tiki-Drinks mehr sind als eine gefällige Abkürzung Richtung Vollrausch. Zumindest jenseits der Simon-Dach-Straße.

Robert Schröter mit seinem Pear Harbour

Die Meisterbäckerin

Glutenfreies Brot schmeckt meistens nach nichts oder nach Pappe oder Siebzigerjahrereformhaustraurigkeit. Anders bei Aera. Betreiberin Ava Celik hat zwei Jahre lang nach dem perfekten Rezept gesucht, bis sie zufrieden war, und feilt noch immer weiter daran. Ihre Bäckerei gehört zu den schönsten der Stadt und das aus Hirse-, Reis-, Soja- und Teffmehl gebackene Brot reicht wirklich sehr nahe an echtes Sauerteigbrot heran. Für den Tagesspiegel habe ich die 29-jährige Unternehmerin in ihrer Charlottenburger Backstube besucht.

Ava Celik vor ihrer Bäckerei Aera

Sitzen mit Susan

Susan Feniger trägt Chucks, regenbogenbunte Halstücher und Jeans mit Farbspritzern. Ihr Nasenstecker ist türkisfarben. Für die FAZ habe ich sie in Las Vegas bei einem von Bon Apetit veranstalteten Foodfestival getroffen. Genau genommen saßen wir auf dem Boden, nur wenige Meter vom roten Teppich entfernt. In diesem Moment war ich ziemlich froh über ein wenig kalifornische Lässigkeit – Feniger lebt in L.A. – im Garten des Ceasar’s Palace, der wirkt, als hätte ein Kleinkind seine Version des römischen Reichs mit Playmobil nachgebaut.

FAZ Woche 30/2019

Wofür Bledar brennt

Bledar Kola war in London Tellerwäscher, hat anschließend im Noma gekocht und ist schließlich wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Seitdem beweist er, dass albanisches Essen nicht nur etwas für Bauern ist. Das Tasting Menu im Mullixhiu mit Überraschungen wie dem Getreiderisotto Trahana oder dem Milchflan Qumeshtor kostet umgerechnet fünfzehn Euro. Für Zeit Online habe ich Kola in Tirana getroffen und mit ihm über Urgetreide, albanisches Slow Food und Raki als Schweinesedativum gesprochen.

Negroni, mon <3

Ein Negronirezept aus Wien? Da kommen zwei meiner Herzensthemen zusammen. Hubert Peter aus dem wunderbaren Bruder nennt seine Variation “Abendröte über Catania”. Genauso gut wie am sizilianischen Hafen schmeckt sie in einem österreichischen Schanigarten.

Es bleibt in der Familie

Zum Glück! Nach Stationen bei Jonnie Boer, Joachim Wissler und der Berliner Cordobar ist Lukas Mraz zurück nach Hause gekehrt. Jetzt kocht er im Mraz & Sohn gemeinsam mit seinem Vater Markus, während sein älterer Bruder Manuel den Käsewagen schiebt und Jazzplatten auflegt. Für mich ist das eines der spannendsten gastronomischen Konzepte der Gegenwart. Vom Michaelhäuplsalat mit unreifer Erdbeere und Haselnusscreme träume ich seit Wochen, ebenso vom Hummercurry. Warum es das Wiener Familienlokal neunundzwanzig Jahre nach seiner Gründung noch gibt und es ihm besser geht denn je, habe ich für die Welt am Sonntag aufgeschrieben.

Welt am Sonntag vom 23.6.2019

Männer trinken Old Fashioned? Frauen auch

Schon vor Mad Men galt der Old Fashioned aufgrund seiner Schnörkellosigkeit und seines hohen Alkoholgehalts als Männergetränk. Zeit, mit einem weiteren Geschlechtervorurteil aufzuräumen. Auch Frauen finden Gefallen an dem Whiskey-Cocktail. In Cihan Anadoluglus Münchner Bar Circle arbeiten nur weibliche Bartender. Wenn sie Old Fashioned mixen, dann gerne eine japanisch inspirierte Abwandlung. Das Rezept habe ich für Zeit Online aufgeschrieben.

Butter bei die Brote

Am Ende des Tages willst Du ein Butterbrot haben, bestenfalls geschmiert von einem lieben Mensch. Warum Butter nicht gleich Butter ist und manche sie im Wald vergraben, habe ich für die FAZ Woche aufgeschrieben.

Hier also bin ich

Später Winter in Sonoma County: spanische Makrele mit Rettich und Rhabarber, Wasabi-marinierte Austern aus Half Moon Bay, Schnapper aus Japan mit eingelegten Salzpflaumen, kalifornischer Taschenkrebs mit Seegrasgelee und Karotten mit grünem-Knoblauch-Tofu. Der japanische Begriff für diese Einstimmung auf ein stundenlanges Menü heißt sakizu keund bedeutet: Hier also bist du.

Für die Welt am Sonntag habe ich über das Single Thread geschrieben, eines der beeindruckendsten Restaurantkonzepte Amerikas. Es verbindet japanisches Kaiseki mit kalifornischem Farm-to-Table. Die Samen des Wasabi-Rucola, eines von vielen Gastgeschenken, gedeihen inzwischen prächtig auf meinem Balkon.

Eigentlich wollen sie nur vögeln

Eigentlich ist das Un-Wort unserer Zeit. Wir benutzen es ständig, meist ohne Sinn und Verstand. Es schafft Distanz zu Dingen, die wir ohne nicht aushalten würden. Die in Wien lebende Autorin Teresa Dopler widmet diesem Wort, das ein Lebensgefühl ist, ein ganzes Stück. Eigentlich sind Ruth und Ivan seit Jahren getrennt, eigentlich waren sie total schnell darüber hinweg, eigentlich lieben sie ihre No-Work-Life-Balance-Jobs sehr, eigentlich sind die neuen Partner doch total nett. Plötzlich jedoch ist da Verlangen und die Fantasie jenes weißen Dorfs, das dem Stück seinen Titel gibt. Für Nachtkritik habe ich beschrieben, warum es so tieftraurig ist, obwohl die ganze Zeit gelacht wird. Eigentlich.

“Kunst ist nicht für Kompromisse zuständig”

… sagt Professor Dr. Elisabeth Paefgen im Fluter-Interview über das umstrittene Gedicht “Avenidas” an der Berliner Alice Salomon Hochschule. Auf die Frage, ob es vielleicht einfach weniger Gedichte brauche im öffentlichen Raum, antwortet Paefgen: “Doch! Unbedingt! Ganz viele! Bloß Köhlers Gedicht gehört nicht dorthin, weil es voraussetzt, dass man den Diskurs kennt. Ich bin froh, dass es in fünf Jahren wieder übermalt wird.”

Das Gegenteil von Durst

Im Winter setzt Berlin, dieser preußische Offizier, seine Pistole auf deine Brust und schreit „trink!“ Ich hab mich widersetzt und für die Welt einen Text über Leslie Jamisons wunderbares Buch “Die Klarheit” und meinen ganz persönlichen nüchternen Januar geschrieben.

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I would prefer not to (maybe)

Boy meets Girl… und schon fangen die Probleme an. Wie schmal der Grat ist zwischen Ja, Nein und Jein, hat die MeToo-Debatte gezeigt, und sie zeigt es noch immer. Kristen Roupenians im New Yorker veröffentlichte Kurzgeschichte “Cat Person” brachte die Sache auf den Punkt: Ein Mann will Sex, eine Frau nicht unbedingt, lässt es aber geschehen, weil sie fürchtet, es könnte sonst wirken, als lasse sie im Restaurant ein bestelltes Gericht zurückgehen. Solche Ereignisse, geschehen täglich tausendfach, überall auf der Welt. “Cat Person” war der am zweithäufigsten angeklickte Online-Text des vergangenen Jahres. Jetzt ist Roupenians gleichnamiger Kurzgeschichtenband erschienen, eine Sammlung kleiner und riesengroßer Gemeinheiten, den ich für Zeit Online gelesen habe.

Ich habe Hunger, Hunger, Hunger, habe Durst

Was ich an Williams’ Gedicht nicht verstehe: Was haben Pflaumen im Kühlschrank zu suchen und welche Art Frühstück soll sich daraus ergeben? Ich tippe auf eine Smoothie Bowl oder Kokos-Speckwaffeln mit glasierten Haselnüssen und Pflaumenrelish.

Für das Logbuch Suhrkamp war ich bei der ersten Ausgabe der vom Literaturkollektiv kaboom ausgerichteten Reihe A Poem for Dinner, deren Konzept ich nicht ganz verstanden habe. C. war auch dabei.

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Ich habe heute leider ganz viele Karten für Dich

Es gibt solche Theaterabende, da könnte man hinterher eine Therapiesitzung gut gebrauchen.

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Okay, das könnte ich sein. Bin ich deswegen ein boshafter Charakter? Das jedenfalls bescheinigte mir die Performance “Total Therapy”, die im Rahmen des Festivals “Save your Soul” an den Sophiensaelen gezeigt wurde. Obwohl ich mich in Durchgangszimmer einquartierte und beim Flirten niemals Eisbonbons verteilte, wanderten immer mehr Boshaftigkeitskarten in meinen Kartenhalter. Am zweiten Abend wurde ich dafür umso netter umsorgt von einem Care Boy, der meinen Boyfriend spielte. Wir haben sogar die Zeche geprellt, für ein bisschen Bonny und Clyde. Knutschen wollte ich trotzdem nicht. Der Rest steht bei Nachtkritik.

 

Endlich ich

Einatmen, ausatmen, Brunnenkresse-Birnen-Fenchel-Saft trinken und jeden Morgen eine „superschnelle Dankbarkeitsliste“. Ob es das ist, was Michel Foucault mit le souci de soi, der „Sorge um sich“, meinte? Fest steht, dass Self-Care das neue Lagom ist. Von beidem nie gehört? Dann wird es Zeit für die Lieblingskuscheldecke, für ätherische Öle ohne Duftzusatz und ganz viel Ego. Was nicht heißen soll, dass dann keine Zeit mehr für andere bleibt. Sagen jedenfalls Nadia Narain und Katia Narain Phillips, deren Buch ich für die Welt gelesen habe.

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Nein heißt manchmal alles Mögliche

Nun jährt sich die #metoo-Debatte. Erwartungsgemäß arbeitet eine Vielzahl von Romanen und Sachbüchern das Thema auf. Lesenswert ist Bettina Wilperts “Nichts, was uns passiert”, das ich für den Fluter besprochen habe. Das Erstaunliche an diesem literarischen Debut ist, neben seiner klugen Uneindeutigkeit und der nüchternen Erzählhaltung eines beteiligten Beobachters, dass Wilpert es geschrieben hat, noch bevor Weinstein zum Synonym für ich-nehme-mir-was-ich-will-Frauen-sowieso wurde. Dass diese Frauen allerdings nicht immer Opfer sind und Männer nicht immer Täter, wussten wir ja bereits.

Alle mal herhören, ich kriege gerade einen ANRUF rein

In Sachen Lärmbelästigung bin ich Wutbürgerin. Kann mir jemand erklären, warum Leute ihr Telefon nicht lautlos schalten? Oder schlimmstenfalls gar nicht wissen, wie das geht? Müssen sie der Welt zeigen, dass es sie gibt? Wollen sie, dass jemand ihre Klingeltöne analysiert, wie das meine liebe Freundin Sophia getan hat? Für die Welt habe ich mich in Versalien ausgelassen über ein furchtbares Phänomen unserer Zeit. Schon Sartre hatte die anderen im Sinn, als er an die Hölle dachte, und das war lange vor der Einführung des Motorola International 3200.

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Nach München!

In politischer Hinsicht macht die bayerische Hauptstadt wenig Spaß, umso mehr dafür, wenn es um Theater geht. Keine Spielzeitvorschau wirkt vielversprechender als die der Münchner Kammerspiele. Rimini Protokoll, Ersan Mondtag (mit dem ich in Kreuzberg Kaffee trinken war), Christopher Rüping (mit dem ich im Auftrag der Welt geskypt habe) und Susanne Kennedy (auch sie habe ich für die Welt porträtiert) zeigen dort neue Arbeiten. Auch toll: eine Faust-Interpretation in Anlehnung an Yung Hurn. Was uns Theaterzuschauern in den nächsten Monaten noch so alles bevorsteht, habe ich für Traffic News To Go aufgeschrieben.

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Cunnies googeln

Die Hölle ist los, wenn deutsche Inszenierungen nicht englisch übertitelt werden. Umgekehrt passiert nichts. Hätte ich den Text vorher nicht gelesen (journalistische Ehrensache), mir wäre wohl vieles entgangen an diesem Tanzabend im Deutschen Theater, auch Lustiges. Ziemlich sicher wussten nicht alle im durchschnittlich fünfundvierzig Jahre alten Publikum, was der Slangbegriff cunny bedeutet. Das Urban Dictionary klärt auf. Bei Nachtkritik steht, was ich sonst so hielt vom beim Berliner Tanz im August aufgeführten “17c”.

Für mich nur Wasser

Dieser Satz aus meinem Mund? Ja, wenn Detox-Dienstag ist. An einem solchen habe ich Sebastian Mergel getroffen, der in Berlin die Bierfabrik betreibt. Für seinen Podcast “Auf ein Bier mit” haben wir über Metoo, Wein ohne Schwefel und Gründe des Zuspätkommens (die bei mir eigentlich immer etwas mit Essen zu tun haben) gesprochen. Als Dankeschön gab es zwei Flaschen fassgereiftes Sauerbier. Normalerweise mag ich Bier nicht so gerne, aber diesem gebe ich eine Chance. Versprochen, Sebastian.

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Eh immer noch in Wien verliebt

In Wien riecht es überall nach Mehlspeisen, sogar im U-Bahnschacht. Pferde ziehen Kutschen und koten kaum, H&M-Filialen sehen aus wie Jungendstilvillen. Man empfängt den besten Radiosender der Welt. Es regnet praktisch nie! Zwar ist Yung Hurn weggezogen, dafür der Nino aus Wien dageblieben. Das Burgenland ist nah, die Weinberge auch und der Wiener Alpenbogen, falls man wirklich mal klettern will. Die ausgesprochen hässliche, von Hundertwasser gestaltete Müllverbrennungsanlage in Spittelau kann man ja meiden. Trends brauchen zwei Jahre länger als in Berlin, alle haben Zeit zu verplempern und meinen es eigentlich immer ernst, sogar bei Tinder.

Für Zeit Online habe ich meiner Wiensehnsucht freien Lauf gelassen. 

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Männer, die Fische kaufen

… kehren, ähnlich wie vom Zigarettenkauf, selten zurück. Das ist eine der vielen Moralen von Berthold Brechts Stück “Mann ist Mann”. Am Berliner Ensemble dient es als lose Rahmenhandlung für eine Werkstattinszenierung des Künstlers Olaf Nicolai, wobei Werkstatt wörtlich zu verstehen ist, denn Schauplatz ist ein KFZ-Betrieb am Prenzlauer Berg. Was ich bei “Brecht in der Autowerkstatt” gesehen und vor allem gerochen habe, steht in der Welt.