Fritsch, my president

Ein wenig fremdelt man als Feuilletonistin ja schon mit dem schwergewichtigen Topos “Poilitik.” Soll nicht heißen, dass ich, metaphorisch gesprochen, mit Scheuklappen durchs Leben gehe, zumal es ja eine ganze Bandbreite an politischen Themen gibt, die gar nicht abstrakt nach Brüssel und Straßburg schmecken, sondern einen im Alltag direkt betreffen, die Gentrifizierung etwa. Hach! Bald muss hier unbedingt etwas stehen über Zugereiste der ersten und zweiten Generation, über Hipster-Bashing und die saugemeinen Wohnungsgesellschaften, die so dreist die Mieten der Langzeit-Studenten nach oben treiben. Bald muss unbedingt auch von meiner Seite aus Senf zugegeben werden zum kollektiven Lamento über die doofen Zugezogenen und die herrschende Klasse, die sich so geil hermacht über von Künstlern und Alternativen mühsam ausgespähtes Gebiet, auf dass sie sich dieses einverleibe, auf dass dann auch das Letzte von sympatischen Autonomen besetzte Haus in eine (bitte einsetzen: Coffee Fellows-/ Starbucks-/ Urban Outfitters-Filiale) verwandelt werde. Aber nein! Nichts liegt mir ferner, als in die Rolle der beleidigten Spätzle-Schwäbin zu verfallen, die, doch selbst erst vor wenigen Jahren nach Freidrichshain gezogen (wohin auch sonst!), jetzt künstlich empört meckert über die Junggesellenabschiede, deren Teilnehmer ihr direkt vor der Haustür ekligen Schnaps und XXL-Kondome andrehen wollen. Lieber nähere ich mich dem dicken Brocken “Politik” über meine eigentliche Passion an: Dem Theater.

Vorher aber soll der jetzt doch irgendwie missglückte Einstieg geglättet werden: Wenn in diesen Tagen sich ein ganzes Land über einen Mann wundert, der die Nachfolge eines anderen antreten soll, wobei die angekündigte Wahl bereits als entschieden gilt und also eine Scheinwahl ist; weil nämlich dieser andere nicht ordentlich getrennt hat zwischen Mensch und Amt  – wenn sich also an einem Statement wie “XXX – My president” bzw. “XXX – Not my president” der Gefühlshaushalt eines Landes abzeichnet, dann spiele ich mal das Gedankenspiel einer direkten Wahl durch mit dem Ergebnis: Wenn einer, dann der Fritsch. Leider ist ja nun dem braven BRD-Bürger der Zugang zur totalen Demokratie verwehrt, denn wäre es nicht wunderbar, wenn man für dieses Amt, das de facto eh nur symbolisches (man könnte auch sagen: performatives) Gewicht hat, jedermann vorschlagen könnte? So wie früher bei der Wahl zum Klassensprecher? Vielleicht erinnert sich jemand an Island, wo im Sommer 2010 eine Art Spaßparlament ins Leben gerufen wurde, weil nämlich eine Art Spaßpartei einen unglaublichen Wahlsieg davontrug. Es soll, so entnehme ich den einschlägigen Medien, ganz gut funktionieren. Kein Wunder bei einem so klugen Namen wie „Besti flokkurin”, zu deutsch „Beste Partei!” Hat vielleicht auch damit zu tun, dass, wenn alles den Bach runtergeht, sowieso alles egal ist: Dann kann man wenigstens lachen. Meinem Land jedenfalls würde ein bisschen mehr Heiterkeit auch gut tun. Obwohl, wenn man Freitag Nacht mit der Linie M10, auch genannt: Die Partytram, Richtung Prenzlauerberg fährt, es einem vorkommt, als müsste das Wort “Heiterkeit” neu erfunden werden, in diesem dicken gelben Bauch der BVG-Spaßgesellschaft. Kann einem auch unter der Woche passieren, wie kürzlich in der U1, wo ein junger, recht verwahrloster Kerl die Aufmerksamkeit der Autorin erregte durch seine kehlig-krächzende Bitte, ihm ein wenig Geld zu geben für sein “delicious dinner”, woraufhin er den Star Wars-Soundtrack trompetete. Soll heißen, man braucht hier in Berlin gar nicht so oft ins Theater gehen, weil das sonderbarste Theater tagein, tagaus auf den Straßen dieser Stadt gespielt wird.

Ich hab es trotzdem mal wieder getan und mir Herbert Fritschs “(S)panische Fliege” in der Volksbühne angesehen. Nun ist die Volksbühne ja für mich das, was man ein “rotes Tuch” nennen könnte. Zu meinen allerersten Berliner Theatererfahrungen gehören zwei Castorff-Abende, je 5 und 6 Stunden lang, durch die es sich die hiesige Bühnenlandschaft beinahe mit mir verscherzt hätte. Das mag daran liegen, dass ich bis dahin nur recht biederes Provinztheater kannte und also einen kulturellen Schock erlitt. Nach Jahren der Sozialisation mit allerlei Krawalltheater, kann ich heute sogar Castorff gelegentlich goutieren; in die Volksbühne gehe ich trotzdem niemals auf Verdacht. Unbedingt aber, wenn Herbert Fritsch inszeniert. Beim Theatertreffen-Public Viewing im Sony Center vor zwei Jahren habe ich Tränen gelacht bei seiner “Nora oder ein Puppenhaus” und ebenso zuhause beim zweiten und dritten Mal anschauen auf dem ZDF Theaterkanal (ruhe sanft Du einzig sehenswerter Beitrag zur deutschen TV-Landschaft). Theater darf ja durchaus lustig sein, finde ich. Selten so gelacht! Vielleicht nie, außer bei “Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch” an der Schaubühne, über das an anderer Stelle bereits sehr wohlwollend von mir geurteilt wurde. Selbst zuhause entfaltete der Sloterdijk’sche Versprecher in Endlosschleife, von einer guten Seele in meine iTunes Mediathek importiert, noch seine ganze Wucht. Leider scheint dessen Regisseur Rodrigo Garcia bei dieser Produktion einen guten Flow gehabt zu haben, wenn ich bedenke, wie verärgert ich sein neuestes Werk “Gólgota Picknick” am Hamburger Thalia Theater verließ.

Mit Fritsch dagegen ist man auf der sicheren Seite. Nach zwei, drei Arbeiten kennt man seine Handschrift. Schlicht die von ihm selbst entworfenen Bühnenbilder, klar durch einen zentralen Einfall: Der Tannenbaum bei “Nora”, das Sofa beim “Raub der Sabinerinnen”, der Teppich bei der “(S)panischen Fliege.” Immer mit dabei: Eine variierende Anzahl an Trampolinen. Auch immer mit dabei: Boing Boing-Geräusche aus dem Off, jedes Mal, wenn einer der Schauspieler das Trampolin betritt. Maßlos übertriebene Kostüme, viel zu rot geschminkte Wangen, aufgetürmte Perücken, manchmal halb so groß wie deren Träger. Maßlos auch die Mimik, Gestik, Stimme: So übertrieben-theatralisch im allerfeinsten Sinn. Auch darin liegt für mich Fritschs Genie: Dass man seinen Figuren glaubt, auf eine artifizielle Art und Weise, weil sie zwar so hoffnungslos überzeichnen, aber all dem ein wahrer Kern innewohnt. Wann zuletzt eine Haarsträhne nach getaner Arbeit so non-chalant aus dem Gesicht gestrichen? Wann unbeholfen aus Ungeduld mit den Fingern geknibbelt und dabei nicht still gestanden? Diese perfekten Choreografien treffen den schmalen Grat zwischen Vertrautem und Fremdem. Man könnte Fritsch Vorhersehbarkeit vorwerfen, weil er stets aus dem selben Repertoire an Stummfilmkomik und bürgerlicher Komödie schöpft – dabei nutzen sich seine Einfälle auch in der Serie nicht ab. Und es hat doch auch etwas Beruhigendes zu wissen, dass man auf gewohnte Art auf seine Kosten kommen wird, gerade in der Volksbühne, wo ja, siehe oben, so manche böse Überraschung lauert.

Sich ein Fritsch-Stück anschauen ist, wie mit einem entfernten Bekannten Schnaps trinken gehen. Das Niveau bleibt zuhause, die schweren Themen auch, man lässt sich gehen und hat dabei extremst Spaß. Oft sind die Witze platt, sehr oft, wie das so schön heißt, “unter der Gürtellinie” und “politisch nicht korrekt.” Man lacht nicht über kleinwüchsige Menschen, nicht über homosexuelle Anspielungen. Warum aber über den fallenden, mit den Armen rudernden Vater, der kurz davor steht, seine Lebenslüge offenbaren zu müssen? Warum über ein Hausmädchen, das an Fritschs Trampolin verzweifelt? Humor und dessen Ventil, das Lachen, in Kategorien einzuordnen, scheitert gar zu oft. Warum sich also nicht darauf einlassen auf den Schutzraum Theater, nach dem Motto “What happens at Volksbühne, stays at Volksbühne” und lachen, wann einem dazu zu Mute ist? Das ist auch aus soziologischer Sicht äußerst aufschlussreich: Nie habe ich ein Publikum derart entfesselt erlebt. An Szenenapplaus wird nicht gespart, an Johlen, Buhs und empörten Zwischenrufen auch nicht. Ich selbst habe mich beim auf-den-Schenkel-Klopfen erwischt (schon mal im Theater auf den Schenkel geklopft?) und beim frenetischen Wuhuuu-Rufen, was mir meistens doch eher unangenehm ist (schon mal eine Wuhuuu! rufende Theaterkritikerin gehört?) und meine Sitznachbarin, etwa in meinem Alter, dabei, wie sie am Ende des Stücks mehrmals “Bravo!” rief und zwar in diesem Tonfall, den man sonst nur vom Abonentenpublikum auf den besten Plätzen kennt. So muss das zu Shakespeares Zeiten im Globe Theatre gewesen sein oder bei Molière, wo noch nicht staatliche Subventionen, sondern allein die Gunst des Publikums (und vielleicht die des Königs) über Aufstieg und Fall einer Theatergruppe entschied. Demokratie wie sie sich kein Staatsdenker lebhafter ausmalen könnte. Mal angenommen, unser Staatsoberhaupt in spe würde also nicht von einem obskuren Kreis Eingeweihter gewählt, sondern vom Volk selbst, einer wie Fritsch hätte beste Aussichten und meine Stimme sowieso. Ich stelle mir vor, dass dann wieder mehr gelacht würde in unserem Land. Auch, dass die Bürger freier ihren Impulsen und unbedingten Eingebungen folgten, dass sie pfiffen, wenn ihnen etwas nicht passte und großzügig klatschten, wenn etwas gefiel. Für das Niveau fühlten sich bestimmt immer noch genug andere verantwortlich.