Keine Hektik mit der Dialektik

Eva Perla kauft sich eine Hose und denkt über Normcore nach (Essen geht sie sowieso).

Der von mir sehr geschätzte Moritz von Uslar erhob kürzlich in der Zeit das weiße T-Shirt zum Kleidungsstück der Saison. Getragen werde es vorzugsweise von bärtigen, jungen Männern in Berlin-Mitte (bei The Barn, bei Do you read me?; wir ergänzen: im St. Oberholz). Ein laues Lüftchen im Fashionsommer? Oder ein Indiz für einen gesellschaftlichen Wandel, der Versuch, für absolut nichts zu stehen? Völlig korrekt merkt von Uslar an, dass es in der Mode unmöglich sei, keine Aussage zu treffen. Es greift die vielzitierte Theorie des Chefdenkers Watzlawick (uns Geisteswissenschaftlern immer total präsent), wonach man nicht nicht kommunizieren kann. Da der Verzicht auf Oberbekleidung für alle außer Nudisten keine Option ist, bedeutet deren Wahl minimal einen Ausdruck des individuellen Geschmacks, maximal eine politische Meinung (Palästinensertücher, Zipper mit Cannabisprint und “Legalize it”-Schriftzug).

Nicht immer schmeichelt diese dem Auge. Mit wohligem Grusel denke ich zurück an die Phase der knallblauen Strumpfhosen und der “Arbeit ist scheisse”-Hoodies. Oder an den Komplett-Schwarz-Look, diesem Stoff gewordenen memento mori, mit dem ich in den düsteren Tagen meiner Pubertät der Vergänglichkeit allen Seins huldigte und der, nebenbei bemerkt, im Jahr 2014 den Einlass ins Berghain garantieren soll. Mode war und ist ein Zugehörigkeit schaffendes Distinktionsmerkmal, besonders in der Jugend.

Dieser Jugend erst einmal entwachsen, verläuft der Modegesschmack der meisten in geordneteren Bahnen. Knallblaue Strumpfhosen werden gegen Seidenstrümpfe von Falke ausgetauscht. Schwarz ist das neue Schwarz minus Gothic-Attitüde. Nicht so in Berlin, der Stadt der Berufsjugendlichen, wo Style bis ins mittlere Erwachsenenalter die unmöglichsten Funktionen übernehmen muss. Als erstes fällt einem dazu natürlich der Hipster ein, diese weltweit gehasste und zugleich gehypte Kunstfigur. Denkbar weit von jeder politischen Haltung entfernt, zelebriert dieser Hipster einzig das Leben, die Liebe und den vier Euro teuren Filterkaffee.

Übertragen wir hingegen die Theorie der Nicht-Kommunikation auf des Hipsters Lieblingsaccessoire, den Jutebeutel, sieht die Sache anders aus. Als Stück weißer Stoff ist er Medium für die philosophischen Ergüsse seines Trägers. Wer nichts zu lesen dabei hat, widmet sich den Jutebeuteln im öffentlichen Raum und kommt zu nichts anderem mehr. Überwiegend prangt da harmloser Nonsens, Sprüchlein wie “My other bag ist Chanel”, “Hurra Hurra” oder “Hunger, Pipi, kalt.” Es gibt aber auch den gefährlichen, den hochpolitischen Jutebeutel, das ist jener mit der Aufschrift “Bitte nicht schubsen, ich hab einen Joghurt im Beutel.” Der Soziologe Bodo Mrozek sichtete diesen auf rechtsradikalen Demonstrationen, “was angesichts der bevorstehenden Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten auf einen gewissen Sinn für Humor schließen ließ, den man den tumben Anhängern von Rassenwahn und Nationalismus üblicherweise nicht zutraut.” Mrozek und anderen zufolge entdecken ehemalige Stahlkappenträger derzeit die Hipsterkultur für sich, feiern Vollbart, Ray Ban und das Spiel mit den ironischen Zeichen, was eine gefährliche Mischung der Sphären zur Folge hat. Das Zwitterwesen aus Hipster und Nazi hört dann auf den Namen Nipster. Welch Ironie: ausgerechnet jene Subkultur, die keine sein will und sich gegen jede politische Haltung sperrt, ähnelt optisch der extremsten aller politischen Strömungen. Kurzum: Die Tage des Hipsters sind gezählt.

Quo vadis, Subkultur? Wenn die bislang identitär aufgeladenen Kleidungsstücke von hassenswerten Randgruppen übernommen werden, braucht es einen Gegenpol. Nichts anderes besagt die Theorie der Dialektik. Alles ist Dialektik, das Leben, die Welt, die Filterkaffeepreise. Extreme ziehen Extreme nach sich. Auf die größtmögliche Distinktion des Hipsters, die bis zum bewussten Hässlich-machen reicht (Neonleggins, Kassengestell, Sweater mit Rentiermuster), folgt die totale Reduktion. Dies ist die Stunde des Normcore.

Erfunden hat diesen Begriff die New Yorker Trendagentur K-Hole (ein Wahnsinnsname für einen seriösen Dienstleister!). Was ist Normcore? Der Wahl-Berliner R Jay Magill Jr. illustriert dies am Beispiel einer Werbeanzeige mit dem Slogan: “Berlin is where no one really knows whether you are in or out.” Das dazugehörige Foto zeige einen Hipster “wearing a horridly colored pleather jacket walking past an overweight working-class man watering the porch flowers outside his street-level apartment wearing the exact same jacket. This cheeky juxtaposition bespeaks a strange confluence: the proletariat — a word forbidden in America — and the bourgeois hipster, given these bad economic times, are becoming increasingly indiscernible. The return of acid-wash jeans would close the gap completely.” Und dann: “Regrettably, two years later, acid-wash jeans now are back.” Im Folgenden verknüpft der Autor den Normcore-Trend mit Hegels Theorie der Dialektik, wonach jedes Phänomen dreistufig verläuft, von der Thesis zur Antithesis zur Synthesis. In vorliegendem Fall folge auf die erste Stufe der Ironie (Thesis) eine “Neue Ernsthaftigkeit” (Antithesis). Die Hipsterkultur vereine diese beiden Pole: offensichtliche Ironie (Insignien des White Trash wie die Truckerkappe) und subtile Ernsthaftigkeit (ökologische Produkte, affektvolle Musik). Je mehr dieser Trend in der Mitte der Gesellschaft ankomme, desto mehr brauche es den Anti-Trend, den Gegenpol. Normcore als Synthesis.

Vorbild sind jene Menschen, die immer das anziehen, “was gerade oben im Schrank liegt.” Nachschub besorgen sie in Normalo-Läden, die niemand mit einem ansatzweise vorhandenen Sinn für Ästhetik betritt: Takko, Kik, Walmart. Auf Farbkombinationen wird keine Rücksicht genommen, was egal ist, da keine Neon-Ausfälle zu erwarten sind. Man trägt gedeckt. Was nicht passt, wird passend gemacht. Das sieht im Ergebnis so langweilig aus, wie es sich liest. Und rührt an die ganz großen Fragen.

Die interessanteste davon ist die nach der Absichtlichkeit. Denkbar sind zwei (ja: dialektische) Positionen. Die eine behauptet, Normcore sei die Abkehr von jeglicher Prätention. Wer unförmige Hosen, ausgelatschte Stoffschuhe und Oberteile ohne jeden Wiedererkennungswert trage, dem sei sein Aussehen egal. Nach dieser Auffassung wäre Normcore das Ende von fashion im herkömmlichen Sinn und zugleich ein politisches Statement: der Träger hat Wichtigeres im Kopf als sein Outfit. Für Menschen, die über Jahre hinweg Stunden mit der Komposition ihres Outfits verbringen, die Modeblogs frühstücken und all ihr Erspartes bei Asos verpulvern, wäre Normcore dann so etwas wie Urlaub vom Selbst oder mit von Uslar gesprochen: “eine Erholung.”

Die andere Position argumentiert mit Watzlawicks Theorie der unmöglichen Absichtslosigkeit. Durch das Tragen von vermeintlicher Durchschnittsmode markiere man nur erneut die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, nämlich jener, die das Spiel mit den Zeichen beherrscht. An die Stelle des schlechten Hipstergeschmacks trete keine Leerstelle (Nicht-Geschmack), sondern eine raffinierte Interpretation des Massengeschmacks, der seinem Träger umso mehr Distinktion verschafft.

Zurück zu Moritz von Uslar und seinem weißen T-Shirt. Eine bestimmte Form soll es haben (“gerader, schmaler Schnitt, runder Kragen, kurze, fast in neunzig Grad zum Körper eingesetzte Ärmel”), unter Umständen sichtbare Gebrauchsspuren aufweisen (“kaputt, aber nicht schmutzig” sagt Thomas Demand). Vorzugsweise von einem bestimmten Label. Valentino verkauft seine für 380 Euro. Spätestens hier manifestiert sich das Paradox des Normcore-Trends. Die Bereitschaft, für ein Kleidungsstück ohne erkennbaren Distinktionsgewinn eine derart hohe Summe zu bezahlen, entlarvt den Käufer als fashionist. Im selben Moment bedeutet Normcore die größtmögliche Negation von Mode, weil es eine heimliche Mode ist, die sich einzig ihrem Träger offenbart. Das ist kein Widerspruch. Das ist Dialektik.

Bedauerlicherweise beschränkt sich von Uslars Bestandsaufnahme auf den männlichen T-Shirt-Träger (dabei ist der Zeit-Artikel zu fünfzig Prozent mit Frauen bebildert, das verstehe ich nicht). Dieser mögliche “vorläufige Höhepunkt in der romantischen Suche der jungen und verwöhnten Männer nach einem Kleidungsstück, das so reduziert, minimalistisch und leer aussieht, dass sich rein gar nichts mehr darin lesen und davon ableiten lässt – nicht mal eine unbestimmte Lust, als junger, dummer und hübscher Mensch auf der Welt zu sein” findet seine weibliche Entsprechung in der Mom Jeans.

Die Mom Jeans ist das it-piece der Saison. Charakteristisch ist ihre die Körperform verschleiernde Unförmigkeit. One size fits all? Von wegen! Dieses auch Umstandshose gennante Modell behauptet zwar Uniformität (alle sehen darin gleich aus, nämlich gleich beschissen), bestätigt aber in Wahrheit die These des Schriftstellers Martin Mosebach: “Es gibt zwei Typen von Mode – der eine verschönert den Körper, für den anderen muss der Körper schön sein. Das weiße T-Shirt gehört eindeutig zum zweiten Typ.” Dazu passt, dass bislang alle von mir gesichteten Mom Jeans-Trägerinnen gut gebaute girls waren, wohingegen sich bekannterweise ausgerechnet jene Frauen in Skinny Jeans quetschen, deren Figur eher nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht.

Der “unbestimmten Lust, als junger, dummer und hübscher Mensch auf der Welt zu sein” folgend, mache ich mich statt eines weißen T-Shirts (von denen ich fünf Stück im Schrank habe, darunter keines, das den Normcore-Vorgaben entspricht, weswegen bald ein sechstes zu kaufen ist) also auf die Suche nach einer Mom Jeans. Nach einem erfolglosen Rundgang im Weinmeisterstraßenkiez bestelle ich sie im Internet, obwohl ich nie Hosen im Internet bestelle. In der Regel ist die Suche nach einer gut sitzenden Jeans ja ein monatelanges Projekt (ideal fürs Prokrastinieren), das stundelanges Anprobieren in einer zweistelligen Zahl von Geschäften erfordert. Anders bei der Mom Jeans, die nicht gut sitzen soll, weswegen man einfach fünf Stück online bestellt, um daraus eine willkürliche Auswahl zu treffen.

Von der Mehrheit der Mitmenschen, insbesondere Männern (“man sieht den Hintern ja gar nicht!”), ernten Mom Jeans Unverständnis auf ganzer Linie. Allein deswegen ein irrer Trend, weil er die modische Spreu vom Weizen trennt (“man soll den Hintern nicht sehen”). Somit ist die Mom Jeans der Beweis, dass Normcore eine bewusste Mode ist, wie alle anderen Moden auch. Und gleichzeitig das denkbar dialektischste Kleidungsstück. Hoher Bund, hohe Knöchel (“Hochwasser”, “auf Halbmast”), schlichte Farben, keine Waschung: In der Theorie unterscheiden sich die einzelnen Modelle nicht. In der Praxis greift der Uniformitätsgedanke beim Preis jedoch ebenso wenig wie bei der Figur seiner Trägerin. Es gibt das für einen Euro auf dem Wiener Naschmarkt erstandene Modell – dessen Besitzerin schrecklich beleidigt war, als ich seine Unförmigkeit lobte –, den Glücksgriff im Secondhand Laden zum Kilopreis und das Standardmodell bei American Apparel für unfassbare neunzig Euro. Freilich ohne erkennbares Label. Keiner, dem Mode egal ist, gibt neunzig Euro für eine Hose aus. Somit ist die Mom Jeans für die Frau, was das weiße T-Shirt für den Mann ist: die ultimative Negation von Mode und zugleich das ultimative Fashion-Statement. Schöner hätte sich Hegel das auch nicht zurechtbiegen können. Ich trage beides in Kombination.