Personality, würde Heidi dazu sagen

Zwei Mal im Jahr schaut die Modewelt auf Berlin (sagt man, liest man), derweil der Berliner mit unterschiedlich gelungener Fashion Week-Werbung konfrontiert wird. In diesem Januar sollen vermeintliche Durschnittsgesichter Zugänglichkeit zur per se exklusiven Modewelt suggerieren. All diese girls und boys next door eint, dass sie in ihrer scheinbaren Individualität total gut aussehen, aber das kennen wir ja aus der Werbung. Es ist eher der Slogan “Wir sind ein Berliner”, der einen den Glauben in jene hochbezahlten Agenturmenschen verlieren lässt, die sich so etwas ausdenken. Es ist wie mit den Partyfotos auf den einschlägigen Modeblogs, die zur Annahme verleiten, es gebe überhaupt keine Frauen auf der Welt, deren Teint nicht ebenmäßig ist, deren Haarpracht nicht seidig glänzt (dazu später mehr). Das Dikat der körperlichen Vollkommenheit ist die eine Sache. Die andere ist, dass diesen Mädchenfrauen – Schönheit vor Alter! – offenbar keine über das makellose Äußere hinausreichende Eigenschaften zuteil werden. Diese Saison trägt Frau Ausdruckslosigkeit.

Den Beweis erbrachte die Show der Berliner Designerin Esther Perbandt. Esther Perbandt ist die Frau mit der befremdlichen Frisur (dunkler Kurzhaarbob, Marke Prinz Eisenherz, wie ihn mir auch H., der Friseur meines Vertrauens, dereinst gerne verpasst hätte, mit einer einzelnen schulterlangen Strähne). Hätte die Show an irgendeinem anderen Ort als der Volksbühne stattgefunden, wäre ich nicht dort gewesen. Nur, weil an diesem Abend zwei getrennte Welten aufeinanderprallten, die der Mode und die des Theaters, war ich Teil davon. Die Plakate zur “Grotesque”-Show griffen die Volksbühnen-Ästhetik mit ihrer altdeutschen Schrift und den Neon-Farben auf und waren sehr viel unaufdringlicher als jene mit ihrer eingangs beschriebenen Pseudo-Demokratie. In einer Zeit, wo Theater die Stadt erobern, wo sie Fabriken und Tennisclubs und Umspannwerke bespielen (man nennt das “site-specific”), wird die Theaterbühne zum Catwalk. Fragt sich bloß, was  sich die jeweiligen Partien von dieser Symbiose erhoffen? Dass ein wenig hibbeliger Modeglamour das Stadttheater entstaubt? Dass umgekeht dessen intelektueller Glanz auf die als oberflächlich verschriene Mode ausstrahlt?

Ich wollte es herausfinden. Angesetzt war die “Grotesque”-Show für 21 Uhr. Wie immer arbeitete die Zeit von vorne herein gegen mich. Auf den letzten Metern, keuchend und zerzaust, beglückwünschte ich mich immerhin zu der Wahl meiner flachen Schuhe. Im Foyer angekommen, stellte ich fest, dass alle Hektik umsonst war, weil offenbar die Hälfte der Zuschauer noch nicht eingetroffen war. Besonders lang war die Schlange vor der sogenannten Gästeliste. Offenbar gehörte ich zu den wenigen zahlenden Besuchern (das Interview-Magazin hierzu: “Und wie es sich für die Volksbühne gehört, war nicht nur Fachpublikum anwesend. Ein Teil des Kartenkontingents wurde ganz normal am Schalter verkauft.”). Das Gästelistenprinzip hat nun also auch die Volksbühne erreicht, womit endgültig die Diagnose des Rappers Marteria widerlegt wäre, der behauptet “Alle stehn jetzt auf der Liste, keiner geht mehr hin.” Als ich mein Ticket vorzeigte, bekam ich ein goldenes Plastikbändchen umgeschnallt, das wirkte, als verhelfe es mir zu geheimnisvollen Privilegien und mir das Gefühl gab, ein kleines Rädchen im großen Getriebe der Modeindustrie zu sein.

Mehrheitlich hatte das Publikum den Perbandt-Look verinnerlicht, zumindest, was die reduzierte Farbgebung betraf. Es ist ja so: Selbst, wer bei öffentlichen Anlässen als gut angezogen durchgeht, bekommt bei einer Veranstaltung, die Mode zum Thema hat, die Ungenügsamkeit seines Outfits zu spüren. Wo am Dresscode scheitern, wenn nicht hier? Allzu deutlich wurde mir das Ablaufdatum meines Accesoires bewusst, ein Stück aus der vor-vorletzten Wintersaison, das ich mittags noch für eine gute Wahl gehalten hatte. Anderswo bekomme ich dafür Komplimente (“wie originell!”), hier lockte das keinen sprichwörtlichen Hund hinter dem Ofen hervor.

Eine Grundsympathie für die Fashionszene hege ich schon deshalb, weil deren Uhren langsamer laufen. Zehn Minuten nach neun hatte keiner die Absicht, eine Show zu beginnen. Zwanzig nach auch nicht. Um fünf nach halb zehn ging es los. Links auf der Bühne parkte ein Frauenchor, dessen Mitglieder alle Esther Perbandts Haarschnitt trugen oder es waren Perücken, das war auf die Entfernung nicht zu erkennen (wie gewöhnlich hatte ich keinen Premiumsitzplatz). Vogelgezwitscher und seltsam-schöne Melodien erklangen, wie eine Ton gewordene Hirtenszene. Daziwschen pressten die Frauen “Hah! Hah!”-Rufe in den dunklen Saal. In der Mitte der Bühne verrenkte sich eine androgyne Frau irgendwo zwischen Drogenrausch und Ausdruckstanz, eine Hommage auf die Berliner Tänzerin Valeska Gert, die Perbandt zu ihrer Kollektion inspiriert haben soll. Dann verstummte der Chor und an seiner Stelle haute der obligatorische DJ rechterhand auf sein obligatorisches Macbook ein, allerdings mit deutlich mehr Körpereinsatz als seine meist unbeteiligt agierenden Kollegen.

Die Tänzerin verließ die Bühne und endlich kamen die Models. Wie nicht anders zu erwarten waren alle Frauen sehr groß, zierlich gewachsen und sehr schön. Am meisten beeindruckten mich ihre glänzenden Haare; niemals habe ich solch spiegelglänzenden Haare gesehen. Für einen Moment war ich bereit, den leeren Versprechungen der Hairstylingindustrie Glauben zu schenken und ich schwöre, hätte ich gewusst, welches Pflegeprodukt hier zum Einsatz kam, ich hätte es sofort gekauft. Die Männer waren ebenfalls sehr groß, hatten kantige Gesichter mit unfassbaren Wangenknochen. Allen nahm ich ihren Modelstatus ohne zu zögern ab, was sich als Irrtum erwies, weil einige von ihnen Mitglieder des Volksbühnen-Ensembles waren. Es handelte sich um die Sorte Mann, die bei jeder halbwegs an der Intaktheit ihres Gefühlshaushalts interessierten Frau die sprichwörtlichen Alarmglocken schrillen lässt. Dabei versteht es diese Sorte Mann mit der kleinsten Geste, der minimal einseitig nach oben gezogenen Augenbraue, alle guten Vorsätze verfliegen zu lassen wie Parfum.

Besonders eklatant waren die Unterschiede in der Mimik der Frauen und Männer. Bis auf eine, die verschmitzt lächelte und vorne an der Rampe prüfend und staunend in den Saal schaute, wie um sich zu vergewissern, dass vor ihr nicht Heidi Klum stand, trugen sämtliche Frauen denselben ausdruckslosen Geischtsausdruck vor sich her, als glatte Wasseroberfläche, die den Betrachterblick zurück wirft. Das muss so sein, das war immer so, im Fokus soll nicht das Model stehen, sondern die Mode. Warum aber stand den Männern eine Breite des Ausdrucks zu, die es jedem erlaubte, ein pointierters, für die Dauer eines walks umfangreiches Bild von sich zu schaffen? Personality, würde Heidi dazu sagen. Es gab den smart guy (wobei, smart waren sie alle), den Koketten, den Spieler, den Konfetti werfenden Waldschrat (nachträglich als der Volksbühnenschauspieler Rolf Zacher zu identifizieren), den Gockel, den Geheimagenten. Ein Schnauzbartträger verteilte Luftküsse ins Publikum und sorgte mit seinen zaghaften Pirouetten für das theatrale Element. Und Sabin Tambrea. Ohne Worte.

Die Musik dröhnte in Clublautstärke, der Bass stand dem in nichts nach: Hoppla, das Volksbühnen-Soundsystem kann was! Blitzlicht und Handydisplays erleuchteten den dunklen Saal, aus allen Richtungen pfiff und johlte und klatschte es. Während Pfeifen im Theater gemeinhin kein Indiz für Begeisterung ist, erfolgte hier ein Triebabbau seitens der vom Anblick der makellosen Männerkörper sichtlich erregten Frauen. Denn ja, ich behaupte, es waren fast ausschließlich Frauen, die sich vor lauter Geilheit nicht zurückhalten konnten. Unter die “Juhu”-Rufe mischten sich Satzfetzen wie einem Softporno entnommen (“Oh Gott, Mann, ja!”). Einmal hauchte eine Frauenstimme hinter mir “ich kann das nachvollziehen”; gerne hätte ich gewusst, was sie meinte. Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Volksbühne zu den unkonventionelleren Bühnen mit einem jungen, leicht zu begeisternden Zielpublikum gehört, steht fest, dass bis dato keine Theateraufführung ähnlich ekstatische Reaktionen ausgelöst hat.

Als Letztes flanierte eine Frau in einem bodenlangen, weißen Kleid mit silbernem Streifen über die Bühne, auf dem Weg zurück ließ ein Schlitz tief blicken. Es handelte sich um Perbandts Interpretation eines Hochzeitskleides. Dazu muss man wissen, dass viele Designer mit einem Hochzeitskleid das Ende ihrer Show begehen, was nicht unbedingt ein politisches Signal, sprich eine Affirmation der Ehe ist. Dennoch hab ich noch nie von einem Bräutigam gehört.

Nach nicht einmal vierzig Minuten war der Spuk vorbei. Im Vergleich zu manchem Theatermarathon – keine Seltenheit in der Volksbühne – wurden das Sitzfleisch der fashion people nicht übermäßig strapaziert. Standing ovations für die Designerin, auch das gab es lange nicht in diesen Räumlichkeiten. Erst jetzt verstand ich, dass die Show den zehnten Geburtstag des Labels feierte, weswegen es Riesenkonfetti vom Bühnenhimmel regnete. Kaum waren Models und Designerin hinter der Bühne verschwunden, strömte das Fashion-Völkchen erleichtert aus dem Theatersaal (den einige von ihnen wahrscheinlich so schnell nicht wieder betreten würden), den kühlen Getränken entgegen.

Auf die anschließende Party entfiel ein Teil des Ticketpreises, weswegen ich anstandshalber und zur Beruhigung des Gewissens ob der absurden Summe ein paar Runden drehte. Schnell fiel mir wieder ein, warum ich irgendwann Veranstaltungen dieser Art für nicht zielführend erachtet habe: Sie sind langweilig. Alle sind so sehr damit beschäftigt, gut auszusehen (und ja, sie sehen ja auch gut aus), dass selten so etwas wie Stimmung, geschweige denn jene irrationalen und gefährlichen Momente entstehen, die wirklich gute Parties auszeichnen. Im hellen Licht des Foyers fiel das Gefälle zwischen der Show und der Aftershow-Party, die ein Stehempfang war, umso deutlicher ins Gewicht. All die Euphorie und Ekstase schien verbraucht. Im Dunkeln des Theatersaals ließ es sich unbeachtet jubilieren, hier hieß es Obacht, denn der nächste Fashionblogger könnte mit seiner Kamera lauern und, schwupps, würde das unvorteilhafte Foto bei Instagram auftauchen und am nächsten Tag bei Les Mads. Gefragt ist Contenance statt personality.

Helene Hegemann war auch ohne Begleitung da. Die Musik war gut, aber niemand tanzte. Der Wein kam in Plastikbechern. Ein Stockwerk tiefer spielte jemand auf dem Piano “Für Elise” und am Stand eines großen Perlweinherstellers schenkten Hostessen Perlwein aus. Als ich an der Reihe war, gab es keinen mehr. Der Anzahl der herumstehenden halbvollen Perlweingläser nach zu urteilen, war das kein Grund, traurig zu sein.