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Liebe geht, Kummer bleibt

Was hast du heute geschafft: nichts, nichts oder nichts? Es stimmt, Liebeskummer ist das absolute Gegenstück zur neoliberalen Nutze-den-Tag-Mentalität und eigentlich ein gutes Mittel zur Revolution. Weil er so verdammt unangenehm ist, wünschen wir uns allerdings, er möge so schnell wie möglich vergehen. Wie schnell ist schnell? Ein Drittel der Beziehungsdauer, lehrte uns Sex and […]

Sie sorgt schon heute für den Kater von morgen

Beinahe ein Jahr ist es her, dass ich im Tulus Lotrek essen war, einer systemrelevanten Genussbude im aufgeräumten Teil Kreuzbergs. Ein Abend, an den ich sehr, sehr gerne zurückdenke. Das liegt auch an Mitinhaberin Ilona Scholl, die sich von ganzem Herzen gegen eine Karriere als Taxifahrerin (Studium der Literatur-, Musik- und Medienwissenschaften) und für die […]

Gesichter wie weiße, mondförmige Reiskuchen

Bekannt wurde die südkoreanische Autorin Han Kang mit ihrem Bestseller “Die Vegetarierin”, ein verstörendes Buch über eine Frau, die entscheidet, keine tierischen Produkte mehr zu essen (weswegen “Die Veganerin” der korrektere Titel wäre), und sich schließlich in einen Baum verwandelt. Kangs neuer Roman “Weiß” kreist um die Leerstelle, die eine verstorbene Schwester hinterlassen hat, um […]

Liebeskummer lohnt sich – 99 Tage lang

Ein wenig fragwürdig finde ich Michèle Loetzners Message schon. Nachdem wirklich jeder Bereich unseres Lebens durchoptimiert wurde, ist jetzt das Beziehungsende dran (zugegeben: Gwyneth Paltrow und Chris Martin waren mit ihrem Conscious Uncoupling schon früher dran). Aber, hey, wenn es hilft? Für die Welt habe ich “Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen” gelesen und gehofft, dass […]

Spuckt die salzige Limo aus

Es gab da dieses Experiment: Kindern wurde salzige Limonade vorgesetzt. Während die Jungen sie ausspuckten, tranken die Mädchen kommentarlos aus. Sie fürchteten, andernfalls nicht gemocht zu werden. Denn Mädchen werden nach wie vor zur Zurückhaltung, Bescheidenheit und zum Nettsein erzogen. Warum das so ist und vor allem, was wir dagegen tun können, darüber hat die […]

Berlin in den Neunzigern: Erinnerungen wie Einschusslöcher

Beim Lesen von “Am Rand der Dächer” musste ich oft an Clemens Setz’ hinreissenden Leipziger Coming-of-Age-Roman “Als wir träumten” denken. Wo es diesem gelingt, gleichzeitig knallhart zu sein wie ein Amateurboxer und poetisch wie ein Hobbyastrologe, wirkt Lorenz Justs Roman oft seltsam distanziert. Schade, schließlich ist das Setting interessant für jede, die es in den […]

Wunderschöne Variationen von Männlichkeit

Der britische Autor J.J. Bola hat ein beeindruckendes Buch geschrieben. In “Sei kein Mann”, das ich für die Welt rezensiert habe, geht es um toxische Männlichkeit und deren Ursache, nämlich das eigentlich für seine männerbevorzugenden Vorzüge bekannte Patriarchat. Anders als oft behauptet, richtet sich der Feminismus im Kern nicht gegen Männer, sondern hilft ihnen im […]

Ein Lob auf das “krasse Gerät”

So nennt Katja Lewina ihre Vulva. Die übrigens nicht zu verwechseln ist mit der Vagina, und schon sind wir mittendrin in der Thematik des wunderbaren Buchs “Sie hat Bock”, das ich für die Welt rezensiert habe. Warum gibt es kein angemessenes Wort für das weibliche Geschlechtsteil? Sartre sprach vom “Nichts”, und das meiste von dem, […]

Es ist irre heiß, es hat 38 Grad, es ist die Wüste

Eine sagenhaft hohe Dichte an Mid-Century-Modern-Architektur trifft auf Designertankstellen. Das Gebäude, vor dem die Obdachlosen herumlungern, sieht aus wie von Mies van der Rohe entworfen. Zur Sangria-Happy-Hour im Monkey Tree Hotel (täglich von 17 bis 19 Uhr) seufzt Sinatra aus den Lautsprechern und das Licht, das Licht ist wirklich magisch. In Palm Springs haben sie […]

Das Gegenteil von Durst

Im Winter setzt Berlin, dieser preußische Offizier, seine Pistole auf deine Brust und schreit „trink!“ Ich hab mich widersetzt und für die Welt einen Text über Leslie Jamisons wunderbares Buch “Die Klarheit” und meinen ganz persönlichen nüchternen Januar geschrieben.

Endlich ich

Einatmen, ausatmen, Brunnenkresse-Birnen-Fenchel-Saft trinken und jeden Morgen eine „superschnelle Dankbarkeitsliste“. Ob es das ist, was Michel Foucault mit le souci de soi, der „Sorge um sich“, meinte? Fest steht, dass Self-Care das neue Lagom ist. Von beidem nie gehört? Dann wird es Zeit für die Lieblingskuscheldecke, für ätherische Öle ohne Duftzusatz und ganz viel Ego. Was nicht […]

Alle mal herhören, ich kriege gerade einen ANRUF rein

In Sachen Lärmbelästigung bin ich Wutbürgerin. Kann mir jemand erklären, warum Leute ihr Telefon nicht lautlos schalten? Oder schlimmstenfalls gar nicht wissen, wie das geht? Müssen sie der Welt zeigen, dass es sie gibt? Wollen sie, dass jemand ihre Klingeltöne analysiert, wie das meine liebe Freundin Sophia getan hat? Für die Welt habe ich mich […]

Männer, die Fische kaufen

… kehren, ähnlich wie vom Zigarettenkauf, selten zurück. Das ist eine der vielen Moralen von Berthold Brechts Stück “Mann ist Mann”. Am Berliner Ensemble dient es als lose Rahmenhandlung für eine Werkstattinszenierung des Künstlers Olaf Nicolai, wobei Werkstatt wörtlich zu verstehen ist, denn Schauplatz ist ein KFZ-Betrieb am Prenzlauer Berg. Was ich bei “Brecht in […]

Fummeln wäre das Größte

Susanne Kennedy gehört für mich zu den interessantesten Regisseurinnen der Gegenwart. Nicht alles, was ich sah, mochte ich – schlimm etwa sind meine Erinnerungen an ihr niemals enden wollendes, an der Volksbühne gezeigtes Stück “Women in trouble” – aber Theater ist, finde ich, auch nicht dazu da, gemocht zu werden. Für Die Welt habe ich […]

Man spricht Deutsch

Dea Loher hat nichts mit dem am Hut, was am Theater gerade so trendet. Keine Postdramatik, keine ironischen Textflächen, kein Geschlechtertohuwabohu, außerdem spricht man Deutsch.  Den Begriff politisches Theater findet sie “scheiße”. Trotzdem – oder gerade deswegen – kommt ihre Arbeit sehr, sehr gut an. Für Die Welt habe ich mit der mistgespielten deutschen Dramatikerin ein […]

Liebe Deine Krise

“Meine Generation fragt sich, was das ist: Leben. Abgesehen davon eint sie eine Sehnsucht nach einer bürgerlichen Existenz, dem, was Sargnagel mit ‘Schrankwand’ meint. Man rebelliert gegen diese Spießigkeit und bedauert gleichzeitig die eigene Haltlosigkeit.” Für das Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater habe ich mit der tollen Regisseurin Christina Tscharyiski über unsere kleinen Krisen, […]

Gut gelaunt? Heute schon

Kritiker sind von Natur aus grummlig und haben immer was zu meckern? Stimmt nicht. Entgegen der allgemeinen Meinung – der Schauspieler Fabian Hinrichs bekannte, sein Mitleid mit den Schauspielern sei groß, er habe viele Aufführungen vorzeitig verlassen und überhaupt sehr gelitten – hat mir die 55. Ausgabe gut gefallen. Wie viel Spaß Theater machen kann, […]

Fleckenfreies Kunstblut

Letztes Jahr hatte ich das Glück, an den Münchner Kammerspielen einen ganz und gar ungewöhnlichen “Hamlet” zu sehen. Wir saßen in der zweiten Reihe – oder war es die erste? – also nicht weit genug hinten, um vom Kunstblut verschont zu bleiben. Und ja, es fließt, tropft und spritzt viel Kunstblut in dieser Inszenierung, die […]

Schade, dass der Tod so kurz kommt

Ferdinand Schmalz gehört für mich zu den spannendsten Autoren des zeitgenössischen Theaters. Sein Siegertext beim Bachmann-Wettbewerb hat mich theoretisch und praktisch umgehauen. Jetzt hat der Grazer für das Burgtheater eine neue Version des Jedermann geschrieben. Leider ist  Stefan Bachmanns Inszenierung von Jedermann (stirbt), über die ich für die Welt berichtet habe, sehr, sehr, sehr offensichtlich […]

In den Keller gekehrt

Klassiker: Ulrich Seidls Im Keller. Austrophile wie ich wissen, dass es wirklich so ist mit den Österreichern und ihrer Tendenz, Dinge unter den Teppich zu sperren oder in den Keller zu kehren. Yael Ronen stammt aus Israel, hat aber österreichischen Wurzeln. Am Wiener Volkstheater inszenierte sie Gutmenschen, ein Stück, das nach dem „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen-Prinzip“ funktioniert. In weiten […]

Vielleicht, vielleicht auch nicht

Wenn man als freie Autorin gefragt wird, ob man seine Meinung zu #metoo im deutschen Stadttheater zum Besten geben will, lehnt man nicht einfach ab. Vor allem nicht, wenn man gerade in Neukölln überteuerte Cocktails trinkt. Also habe ich nachgedacht, war mit Ersan Mondtag Kaffee trinken in Neukölln (gar nicht teuer), hab weiter nachgedacht, kam zu keiner […]

Tischdeckengeister im Frühstückssaal

Die besten Sätze eines Texts stehen manchmal gar nicht drin. Kill your darlings nennt man diese Schreibtechnik. Zugegeben benutze ich sie nicht sehr oft, weil ich eitel bin und schöne Sätze sehr gerne mag. Im Fall der Premierenkritik von Hotel Strindberg am Wiener Akademietheater habe ich eine Ausnahme gemacht. Eine besonders schöne Szene war jene, in […]

Irgendwas mit change

Eigentlich ganz erfrischend, mal von Joachim Meyerhoff als Arschloch bezeichnet zu werden, zumal ich ihn während meiner Hospitanz im Hamburger Thalia Theater als ausgesprochen friedlichen Zeitgenossen kennengelernt habe. Anlass ist die Premiere von Jette Steckels “Volksfeind” am Wiener Burgtheater. Es geht um den Wahnsinn der Gegenwart, um Glyphosat, Panama-Paradise und (meine Ergänzung), dass die Zeit […]

#metoo bored

Dass der Theaterbetrieb voller sexistischer Kackscheiße ist, decken Nachtkritik, Deutschlandfunk Kultur und andere gerade auf. Nicht nur hinter, auch auf der Bühne gibt es reichlich Anschauungsmaterial. Zum Beispiel bei “Schlechte Partie” im Burgtheater. In einem Interview gestand dessen Regisseur Alvis Hermanis, ursprünglich sei er nur ans Theater gegangen, um “Mädchen kennenzulernen”. Okay, cool. Was dabei herauskommt, […]

Habt keine “Angst I-III”

Keine Angst, liebes Theater, die Kunst will nur spielen. Spiel doch mit! Für die Welt habe ich aufgeschrieben, was die beiden Disziplinen voneinander lernen können. Wie das geht, zeigt zum Beispiel die deutsche Gesamtkunstwerkkünstlerin Anne Imhof mit ihrem faszinierenden Performancezyklus “Angst I-III”. Aufgeführt wurde er zuletzt bei der Biennale in Venedig, dabei hätte es auch […]