Wir freuen uns schon mal vor

Ein schönes Gedankenspiel zu Beginn eines unsicheren Jahres: Wohin reisen wir als erstes, wenn Reisen wieder möglich ist? An welchem mit handgetöpferten Wasserkaraffen gedeckten Tisch nehmen wir Platz, für welches regional-saisonale Sterne-Menü geben wir unser Geld aus? Gemeinsam mit anderen Welt-am-Sonntag-Autoren habe ich mich in eine unsichere Zukunft geträumt. Meine drei ersten Anlaufstellen werden hoffentlich der Berliner Brunchtempel Frühstück 3000 sein, Fabio Haebels XO Seafood Bar und das Schwarzwälder Boutiquehotel Mühle Schluchsee mit seinem japanisch-orientierten Restaurant Oxalis – dachte ich jedenfalls, bis ich erfuhr, dass Koch Max Goldberg kurz nach Erscheinen des Texts bereits weitergezogen ist. Manchmal ist die Realität leider schneller als die Träume.

Welt am Sonntag, 3. Januar 2021

Die Soup Lady von West-Berlin

Schwül pappt die Wärme über der Stadt wie Klebreis. Es ist Anfang Juni und die Temperaturen endlich hoch genug für scharfes Essen, denn jeder Thai weiß, dass das den Kreislauf in Schwung bringt. Wir sind im West-Berliner Stadtteil Wilmersdorf, zur sagenumwobenen Kantstraße sind es dreißig schweißtreibende Minuten Fußweg. Das Thai-Art befindet sich im Erdgeschoss eines Bausündenbaus, neben einer Metzgerei, die Gulasch für 3,50 Euro anbietet. Keep it simple: Drei Tische, eine Bierzeltgarnitur, Sonnenschirm. Auf dem Tisch in Folie eingeschweißte Essstäbchen und Besteck, ein Kleenexspender und jene ominösen Schüsselchen, deren Inhalt von Europäern meist willkürlich übers Essen gekippt wird. 

Eine Beschreibung wie aus einer anderen Welt. War jemals Sommer? Konnte man sich jemals zum Essen hinsetzen? Ja, es muss so gewesen sein, schließlich ist aus diesen Umständen ein Artikel für die Healthy Times entstanden, das neugegründete Magazin der großartigen Healthy Boy Band. Thai-Art, jener entrückte Westberliner Imbiss, in dem die Leute weder Deutsch noch Englisch sprechen, hat zwar eine Telefonnummer, es geht aber nie jemand ran. Man muss den Weg also einfach auf sich nehmen, um mit dem besten Pad Thai der Stadt belohnt zu werden. Wenn es denn wieder möglich ist.

Healthy Times, die erste

High and dry

Mein persönlicher Dry January dauert schon eine Weile an. Mittlerweile hab ich mich durch vieles probiert und einige Favoriten gefunden: Die vielfältigen, sehr erwachsenen Priseccos von Jörg Geiger, der aperolartige Italian Spritz von Lyre’s, alkoholfreier Gin von Laori, Kombucha in allen Variationen, zum Beispiel von Bouche oder der meiner Mitbewohnerin und Markmans, mein Verdauungsschnapsersatz. Unterstützung gab es unter anderem von Isabella Steiner und Katja Kauf von Nüchtern Berlin. Ob für einen Monat oder das ganze Leben: Für Zeit Online habe ich mit Steiner darüber gesprochen, was man trinkt, wenn man nicht trinkt.

Meistens war ich kein bisschen wütend

Es war exakt wie beim Yoga, wenn man ein Asana, etwa das Happy Baby, nach dem ersten Durchgang spiegelverkehrt wiederholte. „Now we know where we are going“, gurrte Leigha Butler mit ihrer Räucherstäbchenstimme aus dem YouTube-Video heraus. „Enjoy the journey.“ Das mit dem Genießen ist in Zeiten einer weltweiten Pandemie natürlich so eine Sache. Aber man wusste ja, was kommen würde, und konnte dementsprechend loslassen. Und loslassen war nicht nur beim Yoga wahnsinnig wichtig. 

Von einem Lockdown Light war dieses Mal die Rede, dabei weiß man doch, dass in jedem Diätprodukt der Teufel steckt. Spontan fiel mir die in den letzten Monaten in meiner Gegenwart etwas zu häufig konsumierte Cola Light ein und kurz darauf jene Tätowierung, die mich so frech zum Weitertrinken aufgefordert hatte. Beidem hatte ich mich entzogen. Dem Lockdown konnte ich mich, wie alle anderen, nicht entziehen.

Wenigstens der Berliner Himmel wirkte im letzten Quartal dieses bizarren Jahres viel leichter als in vorherigen Wintern, nicht wie eine stehen gelassene Kartoffelsuppe, eher wie ein Glas Hafermilch, und das sogar im November. Konnte daran der Klimawandel schuld sein? Oder das nationale Bekenntnis zum Homeoffice?

Wenig überraschend war Cocooning das Gebot der Stunde. Menschen sollten zu Hause bleiben und dabei möglichst viel konsumieren, Biobettwäsche mit einer Fadendichte von 300 beispielsweise. Mein bescheidener und zugleich völlig abartiger Wunsch derweil war, in Berlin eine Wohnung zu finden. Das, nennen wir es mal, Problem bestand schon seit etwa einem Jahr. Während dieser Zeitspanne hatte ich es auf exakt zwei Besichtigungen gebracht. Einmal, im Frühjahr, fuhr ich mit dem Fahrrad zum südlichsten Ende Neuköllns, das genau genommen schon nicht mehr zum Stadtgebiet gehörte, und wunderte mich noch, dass sogar die Bürgersteige gekopfsteinplastert waren. Die Wohnung befand sich in einem ehemaligen Krankenhaus, nicht unähnlich der Jüdischen Mädchenschule und so hübsch saniert, dass ich sofort eingezogen wäre, aber: kein Balkon und keine Chance, dass einen da draußen jemals jemand besuchen kommen würde. Die zweite Wohnung war ähnlich randlagig und hatte nichts mit meinem Bild von Charlottenburg zu tun, einem Kiez, in dem doch jeden Tag Wochenmarkt war und man sämtliche Blumenhändlerinnen mit Vornamen kannte. Noch dazu war alles, was in der Anzeige stand, erstunken und erlogen. Der Vermieter war ein etwa fünfundsiebzig Jahre altes Männlein, das mich an meinen verstorbenen Musiklehrer Herr Witzenbacher erinnerte (der Geigengott hab ihn selig). Frei von jeder Scham führte er mich durch die als “2-Zimmerwohnung in Stadtvilla” angepriesene Immobilie, ein schäbiger Fünfzigerjahrebau mit Linoleumboden statt “Dielen”, keinem statt “einem Balkon” und einer Miele-Spülmaschine, die mein immer für die Techniknostalgie früherer Zeiten empfänglicher Onkel bestimmt in seine Sammlung aufgenommen hätte. Auch ging es längere Zeit um die Vorzüge eines Einbauschranks, der mich an das in der siebten Klasse durchlittene Waldschulheim erinnerte. Jetzt ergab alles Sinn, die Angabe einer Telefonnummer statt einer E-Mailadresse, die nicht vorhandenen achthundert Mitbewerber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn mich das Männlein gebeten hätte, mich in Zukunft per Fax zu kontaktieren. Dazu kam es natürlich nie.

Kurz erinnerte mich das an die Zustände im Neuköllner Gesundheitsamt, wo dem Tagesspiegel zufolge mehrere Dutzend Mitarbeitende jedem zuvor vom Robert Koch Institut DURCHGEFAXTEN Coronafall hinterhertelefonierten, vorzugsweise aufs Festnetz. Für einen Podcast blieb offenbar trotzdem noch genug Zeit. Warum so wenige Leute die Corona-Warn-App installierten, konnte ich nicht verstehen.

Derweil kamen neue Kinder auf die Welt. Schon bevor ich zum ersten Mal ein Foto von ihr sah, verliebte ich mich in die kleine Rosa, schon aufgrund ihres Vornamens. Man muss dazu sagen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit eine absurde Diskussion geführt hatte zu der Frage, ob man als Feministin seine Tochter so nennen dürfe, dabei weiß man doch, dass die Assoziation rosa gleich girly ein kulturelles Konstrukt ist und die heutigen Geschlechtsfarben bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts andersherum besetzt waren und Rosa früher mal die Farbe der Könige war und die offizielle Feminismusfarbe seit den Siebzigern sowieso Lila ist. Natürlich hatte ich am Ende recht. Der kleinen Rosa schickte ich nicht wie den letzten Babys whippetgraue Schnabeltassen, sondern Spucktücher in Softeisfarben und ökologisch zertifiziertes Plastikbesteck und für ihre Mutter eine Flasche Südtiroler Hopfensaft. Die Süddeutsche Zeitung empfahl derweil, jungen Eltern lieber Hörbuchabos zu schenken oder selbstgemachtes Pesto oder mit deren Erstgeborenen auf den Spielplatz zu gehen: “Einfach mal die Kinder nehmen und Tschüss.”

Egal ob für mich oder andere: Nach wie vor übte Shoppen einen großen Reiz auch mich aus, so wie auf viele, gemessen an den tagein, tagaus die Friedrichshainer Straßen blockierenden DHL-Autos. Noch vor dem zweiten Lockdown kaufte ich mir einen wadenlangen Mantel aus recycelten Daunen. Zum einen, weil das Hygienekonzept der meisten gastronomischen Einrichtungen in einer einzigen, schnell erklärten Maßnahme bestand: Fenster auf. Zum anderen, weil das einzige, was die Welt von mir in den kommenden Wochen zu sehen bekommen würde, Mäntel, Socken und Schuhe wären. Der Zeit zufolge lag ich mit meinen martialischen Dr. Martens auf der Höhe der, nun ja, Zeit. Sie hatten sich schon einige Winter lang bewährt, weil man sich damit fühlte wie eine Kriegerin, gemäß Rainald Goetz’ schönem, wahrem Satz: “Wütend schritt ich voran.” Mit dem Unterschied, dass ich neuerdings oft kein bisschen wütend war. Das mit dem ganzen Shopping für die Katz war wie eine Art “Des Kaisers neue Kleider” unter umgekehrten Vorzeichen: Wir waren angezogen und hatten den Kopf voller Trends, in Wahrheit aber hätten wir ebenso gut nackt sein können.

Als sehr sinnvoll empfand ich den Kauf neuer Laufschuhe, schließlich hatte sich meine Achillesferse von den Strapazen des ersten Lockdowns vollständig erholt. Zu diesem Zweck fuhr ich mit dem Rennrad zum Ku’Damm und fand mich wieder in einer Szene, die den Niedergang des Einzelhandels nicht besser hätte beschreiben können. Karstadt Sports, ein prominent zwischen Bahnhof Zoo und Tauentzienstraße hingekegelter Brutalismusbau, hatte Räumungsverkauf. “Alles muss raus” stand auf riesigen, sich über mehrere Stockwerke entrollenden Bannern. Corona hin oder her, das musste man den Leuten nicht zwei Mal sagen. Beim Anblick der viertelleeren Regale fühlte ich mich an kubanische Lebensmittelgeschäfte erinnert. Bemerkenswert, wie viel Kundenkontakt der Mitarbeiter der Laufschuhabteilung noch performte, ein tapferer Kapitän auf seinem sinkenden Schiff. Er tat mir leid, und ich konnte nichts für ihn tun. Wahrscheinlich bekam er nicht mal eine Provision. Abgesehen von den Laufschuhen kaufte ich eine Schwimmbrille, eine Badekappe und etwas, das ich kurz darauf bereits vergessen hatte, und bezahlte lächerlich wenig. Yogablocks waren ausverkauft.

Einige Zeit später hatte ich bei Decathlon einen kurzen Leif-Randt-Moment. Dessen Berlinroman “Allegro Pastell” gehörte zu meinen kulturellen Highlights dieses leseintensiven Jahres, auch weil die Protagonistin das Sportkleidungshoppen beim Discounter als Teil ihrer sorgfältig kuratierten personality begreift. Anders als Tanja Arnheim brachte ich es allerdings dann doch nicht über mich, mehr als ein paar Fleecehandschuhe für 1,99 Euro zu erwerben, dabei wirkten die Decathlonmitarbeiter viel ausgeglichener als die bei Karstadt Sports. Als antizyklischer Kauf muss wohl die aus recyceltem Plastik hergestellte, in einem semi-vertrauenswürdigen Onlineshop erstandene Reisetasche von Patagonia bezeichnet werden.

Dass meine Angst wuchs, und zwar ebenfalls antizyklisch – schließlich stellte sich den Leitmedien zufolge doch zusehends eine allgemeine Pandemiemüdigkeit ein – bewies meine Alltagsmaskenwahl. Bislang hatte ich meine drei im Wechsel getragenen Modelle (Perlmuttweiß, Pink-Orange, Blumenprint einer Nürnberger Designerin) eher als modisches Statement betrachtet. Je mehr ich jedoch über das Post-Fatigue-Syndrom las, die lange nach einer überstandenen Corona-Infektion anhaltende, dauerhafte Erschöpfung, desto mehr zweifelte ich an der Schutzfunktion einer höchstens bei dreißig Grad waschbaren Maske. Die Zeit war reif für FFP2, das Filtering Face Piece, fünf Euro das Stück. Die zuvorkommende Apothekerin gratulierte mir zu meiner Entscheidung, zusammen mit dem Hinweis, der Schutz vor einer Ansteckung sei damit für zwei Stunden garantiert. Das kam mir sehr kurz vor. Von da an fragte ich mich bei jedem Foto, auf dem die Kanzlerin oder andere wichtige Menschen mit FFP2-Masken zu sehen waren, ob diese wohl seit mehr als zwei Stunden in Gebrauch waren, und fühlte mich wie eine Denunziantin. Meine eigene FFP2-Maske tauschte ich spätestens dann aus, wenn der die Nase überspannende Metallbügel gebrochen war, manchmal auch ein bisschen früher. Wenn mich das schlechte Gewissen überkam, und das passierte öfter, dachte ich an M., der seine Einwegmaske immer zum Trocknen am Fahrradlenker befestigte, und daran, was Corona aus uns gemacht hatte: obrigkeitshörige Spießbürgerinnen.

Genau wie im ersten Lockdown telefonierte ich viel, jetzt sogar, next level, mit Instagram- statt Facebookfreundinnen, jedenfalls war das mal der Plan gewesen, denn besonders zum Jahresende hin schienen alle wieder dermaßen beschäftigt zu sein, dass Telefonate mehrere Tage im Voraus geplant und dann doch kurzfristig abgesagt wurden. Einen anderen Instagramfreund traf ich sogar in real life, zu Spaziergängen mit einem zauberhaften Pudel, der nach der Popsängerin Robyn benannt war. Dann war da noch Pudelmischling Toni, mit dessen Besitzerin ich am Paul-Lincke-Ufer Croissants mit flüssiger Haselnussfüllung aß, während türkische Männer mit riesigen Schnauzbärten es für eine gute Idee hielten, ihre Boulekugeln bis knapp vor unsere Füße zu werfen. Tonis Stirnfransen hingen ihm in die Augen, ein Hinweis darauf, dass von den staatlich verordneten Einschränkungen wohl auch Hundesalons betroffen waren. Inzwischen hatte ich mich halbwegs mit der Vorstellung arrangiert, keine Windhundemama, sondern eine Pudelmama zu werden, die durften in der Deutschen Bahn auch ohne Aufpreis mitreisen. Schuld waren der empathielose Hautarzt und sein Allergietest und seine Weigerung, noch irgendetwas für mich zu tun, außer mich meinem hundelosen Schicksal zu ergeben. Mit Ausnahme des Matheabiturs war Aufgeben allerdings noch nie mein Ding gewesen.

An einem Sonntagvormittag, der so feucht war wie eine Pudelschnauze, fuhr ich mit einigen Freundinnen und der Mischlingshündin Lilli in den Tegeler Forst. Dem herbstlichen Pilzesammeln begegnete ich qua Erziehung mit ähnlichen Vorbehalten wie dem Bärlauchsammeln im Frühjahr. In der Vorstellung meiner Mutter war die Wahrscheinlichkeit, an einem Kahlen Krempling zu sterben, fast so hoch wie beim Fahrradfahren mit AirPods im Berliner Straßenverkehr (übrigens kann man mit dem Modell der ersten Generation viel besser telefonieren). Anlass zur Sorge gab es dieses Mal allerdings nicht, weil in unserem Pilzkörbchen nichts landete außer die Schalen der unterwegs verzehrten Mandarinen. Es war schon fast Advent.

Natürlich backte ich wieder. Pumpkin Cheesecake und leicht verhunzte Mohnkekse und Nussplätzchen in Vulvaform (dass ich nie wieder Vagina und Vulva verwechseln würde, hatte ich Liv Strömquists “Der Ursprung der Welt” zu verdanken). Wie viele stillende und schwangere Frauen es in meinem nahen Umfeld gab, merkte ich wieder einmal, als mein mit Bourbon verfeinerter Pecan Pie freundlich aber bestimmt zurückgewiesen wurde. Außerdem backte ich Tonkabohnen-Macadamia-Kipferl, ohne zu wissen, dass Tonkabohnen bei übermäßigen Verzehr giftig sind. Ohne schlechtes Gewissen benutzte ich hingegen das Sonderedition-Duschgel von Weleda – mein erster und einziger Hamsterkauf dieses Jahr – und jenes ebenfalls nach Tonkabohne duftende Parfum, das mir von einem hippen New Yorker Label als verfrühtes Weihnachtsgeschenk geschickt worden war, in einer personalisierten Flasche. Am Anfang roch es nach Babyfeuchttüchern, bald jedoch wie ein Versprechen – und schließlich würde doch alles gut werden, oder?

Die Wohnungssuche sprach leider eine andere Sprache. Einmal war ich so verzweifelt, dass ich dem ImmoScout-Bot mein Leid klagte. Mir war schon klar, dass es sich dabei um eine sogenannte künstliche Intelligenz handelte, und trotzdem war sein “Ich verstehe Ihre schwierige Situation” so wohltuend, dass ich plötzlich verstehen konnte, warum man Robbenroboter in der Altenpflege einsetzen will. Kurze Zeit später hatten sie mich so weit, dass ich mir einen Premiumaccount erstellte. Bislang hatte ich mich mit dem Argument geweigert, das System als solches (Mietmotivationssschreiben, die Berliner Immobilienblase, den Kapitalismus) nicht unterstützen zu wollen, dabei war ich schlichtweg zu geizig gewesen. Der oft zitierte schwäbische Geiz, er hatte gleichaltrige Freunde längst zu Hausbesitzern gemacht, während ich selbst weder ein Bett noch einen Schrank besaß, was meine Mama stellvertretend für mich zum Weinen brachte. Mit einer Mischung aus Fatalismus und innerer Emmigration legte ich also ein Profil an, inklusive jenes Fotos, das ich einige Monate zuvor bei einer feministischen Instagramchallenge verwendet hatte, wohl wissend, wie schäbig das war. Dann schrieb ich einen Text, für den ich mich an jeder anderen Stelle ins Bodenlose geschämt hätte, von wehenden Vorhängen und einem Schreibtisch im Schattenspiel, weil ich dachte, so was wollen sie vielleicht lesen, die Halsabschneiderhausverwaltungen. Von nun an verfolgte ich die Zugriffszahlen meiner Wunschimmobilien mit ähnlichem Eifer wie andere die Corona-Neuinfektionen. Auch dafür bezahlt man nämlich bei ImmobilienScout24: um zu sehen, wie viele andere arme Seelen ebenfalls das tiefe Tal der Berliner Wohnungsnot durchwandern. Nach vier Tagen hatten 1733 User dieselbe Immobilie mit einem Herz versehen wie ich und 844 davon eine Kontaktanfrage gesendet. Zahlen, die mein Vorstellungsvermögen überstiegen und dafür sorgten, dass ich von einer Berghütte zu fantasieren begann, in die ich mich bis zum Ende der Pandemie verschanzen könnte. “Einfach mal die recycelte Reisetasche nehmen und Tschüss” oder, in den Worten meiner Freundin A., Rosas Mutter, die natürlich Feministin ist: Tschüssikowski.

Stichwort Yoga: Wenn man es genau nimmt, ist das Happy Baby übrigens nichts anderes als ein der ganzen Welt entgegengestrecktes Hinterteil.






Fromage Fromage

Wahrscheinlich hat Hubert Stockner den ungemütlichsten Arbeitsplatz der Welt. Mit dem urlaubseufzenden Bergpanorama im Rücken geht es durch eine Metalltür hindurch in einen scheinbar endlosen, geduckten Gang. Zehn Grad herrschen im Genussbunker und nahezu hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. Rund 6500 Käselaibe reifen hier ihrer Perfektion entgegen, die allesamt von Hand umgedreht werden müssen. Für die Welt am Sonntag habe ich mich mit dem faszinierenden Beruf des Affineurs beschäftigt. Und der Affineurin, in diesem Fall Anke Heymach und ihrer Firma Der Rheingauaffineur.

Liebe geht, Kummer bleibt

Was hast du heute geschafft: nichts, nichts oder nichts? Es stimmt, Liebeskummer ist das absolute Gegenstück zur neoliberalen Nutze-den-Tag-Mentalität und eigentlich ein gutes Mittel zur Revolution. Weil er so verdammt unangenehm ist, wünschen wir uns allerdings, er möge so schnell wie möglich vergehen. Wie schnell ist schnell? Ein Drittel der Beziehungsdauer, lehrte uns Sex and the City. Michèle Loetzner widerspricht: Etwas mehr als drei Monate. In ihrem Buch „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“, das ich für die Welt besprochen habe, beschreibt sie, was dabei passiert und warum es doch sehr unwahrscheinlich ist, am Broken Heart Syndrome zu sterben.

Südtirol brennt

Man muss sich Doktor Werner Psenner als einen ehemaligen Bummelphilosophiestudenten vorstellen, der mit einem Trolley voller Schnaps über den Viktualienmarkt rollert oder mit dem Damenfahrrad von Wirtshaus zu Wirtshaus fährt, um seine Produkte an den Wirt oder die Wirtin zu bringen. „Das macht mir großen Spaß und ich kriege den ganzen Tratsch mit“, versichert der 47-Jährige im möglicherweise maßgeschneiderten Anzug. Für Mixology habe ich sein Familienunternehmen, die unweit von Bozen gelegene Brennerei Psenner besucht, und war begeistert von den Entertainmentqualitäten ihres Chefs.

Schlutzkrapfen und Speckknödel 2.0

Das waren noch Zeiten: Als man nicht nur zum Essen den Mund-Nase-Schutz abnehmen durfte. Für den Standard habe ich mich Ende Oktober und zugegeben schon zum zweiten Mal dieses Jahr durch Südtirol probiert. Bin mit Hannes Pignater von der zauberbergigen Adler Lodge Ritten zu seinen Produzenten gefahren – Davids Goashof und Harald Gasser vom Aspinger Hof – habe mich nicht nur wegen seiner alkoholfreien Cocktailbegleitung in das Restaurant 1908 verliebt, jede Gelegenheit zum Trüffeltaglioniessen genutzt, etwa im Brix 0.1,und mit Evelin Frank vom tollen Hotel Muchele über ihren Speckknödel 2.0 gesprochen.

Sie sorgt schon heute für den Kater von morgen

Beinahe ein Jahr ist es her, dass ich im Tulus Lotrek essen war, einer systemrelevanten Genussbude im aufgeräumten Teil Kreuzbergs. Ein Abend, an den ich sehr, sehr gerne zurückdenke. Das liegt auch an Mitinhaberin Ilona Scholl, die sich von ganzem Herzen gegen eine Karriere als Taxifahrerin (Studium der Literatur-, Musik- und Medienwissenschaften) und für die Gastronomie entschieden hat. Zusammen mit ihrem Lebens- und Geschäftspartner Max Strohe hat sie zu Beginn der Corona-Krise die Initiative Kochen für Helden gegründet, für die ich in der FAZ Woche berichtet habe. Jetzt hat der Gault Millau Scholl, die im Abendservice stets ein Kleid mit Wurstdschungelprint trägt, zur “Gastgeberin des Jahres” gewählt. Warum das eine sehr gute Entscheidung ist, steht in der Welt.

Sorge dich nicht, aquarelliere

So sehr wir alle uns das wünschen: Die Corona-Krise geht wohl erst mal nicht weg. Anstatt sich darüber zu ärgern, kann man versuchen, ihr etwas Nützliches abzugewinnen. So viel freie Zeit! Wenn die Sauerteigbrote gebacken und die Jutebeutel nach Farben sortiert sind, könnte man etwas Neues lernen. Den “Fluch-der-Karibik”-Soundtrack auf der Gitarre spielen zum Beispiel. Sein Haustier mit Pastellkreide zeichnen oder Tusche oder mit etwas, das Inky-Stift heißt. So gut Spanisch sprechen, dass man mit Muttersprachlern über das Œuvre von Almodóvar fachsimpeln kann. Oder ein Drei-Gänge-Menü kochen, unter Anleitung der tollen Sophia Rudolph. Wie all das gelingt, habe ich für Zeit Online aufgeschrieben.

Null Umdrehungen

Kommen zwei alte Männer in eine Bar, ärgern sich, dass die neue Karte alkoholfrei ist, worauf der Bartender sagt: „Ich mache Ihnen schon auch einen Old Fashioned.“ So in etwa geschehen im Hotel am Steinplatz, dessen Konzept ich bei DER STANDARD vorstelle: als deutschlandweit erste Hotelbar auf Drinks wie „Ramos 0,5%“ zu setzen, mit Kamillensirup, Ayran und alkoholfreiem Bier.

Ich komm zum Glück aus Osnabrück

… mit diesem Satz wirbt die 165 000-Einwohnerstadt offiziell. Das entsprechende T-Shirt soll sogar schon auf der Pariser Fashion Week gesichtet worden sein. Für den gebürtigen Erfurter Tom Elstermeyer trifft das zweifellos zu. Sein Restaurant Iko ist mit seiner japanisch inspirierten Produktküche eine echte Entdeckung. Wer es klassischer mag, wird im Kesselhaus glücklich, in diesem Jahr wurde es mit einem Michelin-Stern bedacht. Einer, der zwar nicht ursprünglich aus Osnabrück kommt, aber dort geblieben ist, ist Thomas Bühner. Welchen Einfluss dessen ehemaliger Arbeitsplatz, das Drei-Sterne-Haus La Vie, bis heute hat, habe ich für die Welt am Sonntag erkundet.

Oft war ich wahnsinnig wütend

Anzahl der während der Quarantäne getrunkenen Quarantinis: null. Stattdessen kam die Idee mit dem Hund. Dass ich jetzt unbedingt einen haben wollte, hatte mit dem Bore-out zu tun, und vielleicht auch mit all den Neugeborenen, die ich ungelenk im Arm hielt. Nach Lockerung der Kontaktbeschränkungen traf ich mehrere „frisch gebackene“ Eltern in mir bis dahin unbekannten Parks und wunderte mich über diesen Ausdruck, denn das Einzige, was derzeit gebacken wurde, waren ja wohl Sauerteigbrote. All diese Eltern hatten berechtigte Sorgen, in welch seltsame Welt ihre Kinder da hineingeboren wurden. Allen machte ich dasselbe Geschenk: eine mit einem Geist bedruckte Schnabeltasse in geschlechtsneutralem Grau, der Farbe meines Wunschhundes.

Wahnsinn, wie viele Stunden so ein Tag hat. Mir war klar, dass es sich bei meiner Situation um ein Eins-A-allererste-Welt-Problem handelte, dass viele Menschen (Eltern, vor allem Mütter, Supermarktmitarbeitende, Angestellte im Gesundheitssektor, ausnahmslos alle Kinder) auf dem Zahnfleisch gingen, ganz abgesehen von all jenen, die wirklich krank waren (Stand Mitte Mai 2020: Ich kannte keinen). Über Geld konnte ich mich nicht mal beschweren, schließlich hatte es vom Bund eine zwar zu versteuernde, aber trotzdem recht großzügige finanzielle Zuwendung gegeben. Abgesehen davon hatte ich ordentlich zu tun. Ich sammelte Sauerteigbrotrezepte, Kuchenrezepte ohne Hefe und Eisrezepte ohne Eismaschine. Schlimm war die gähnende Leere der Tage, deren Ende ich bereits um 13 Uhr sehnlichst herbeiwünschte. 

Sicher lag das auch an meinem Home-Office-freundlichen Biorhythmus: schlafen gehen um halb elf, aufstehen zwischen sieben und acht. Was tun mit so viel Zeit? Ich ging länger und weiter joggen als je zuvor, was sich prompt in einer entzündeten Achillesferse äußerte. Als Alternative übte ich beim Morgen-Yoga den Skorpion und hörte dabei FM4-Davidecks. Danach meditierte ich mit abwechselnd zugehaltenem Nasenloch. 

Statt mein Fahrrad selbst frühlingsfit zu machen, brachte ich es in den auf Monate hin ausgebuchten Fahrradladen, hinter meiner Blumenprintmaske zerknirscht das Klischee der handwerklich unbegabten Frau erfüllend. Mitte April ging ich mit bösen Vorahnungen Bärlauch sammeln, der hier Berliner Wunderlauch heißt, die Warnungen meiner Mutter über die quasi identischen, hochgiftigen Maiglöckchen im Ohr. Das daraus entstandene Pesto war lecker und völlig ungiftig, allerdings nach wenigen Tagen verschimmelt: Keime, das große Thema dieser seltsamen Zeit. Von der hatte ich dermaßen viel, dass ich dem Basque Burnt Cheesecake beim Schwarzwerden zusah. Ich buk auch XXL Cinnamon Buns, vegane Orangenkuchen, Birnen-Mohn-Kuchen, Mohn-Eierlikörkuchen (Backen mit Alkohol war eine Sache, die ich mir nicht nehmen lassen wollte) und Rhabarber-Mohn-Kuchen, bei dem die einzelnen Rhabarberrauten mit dem Geodreieck portioniert wurden – bis mich der Umstand, dass die meisten Kuchen fast ausschließlich von mir gegessen wurden, so sehr störte, dass ich es bleiben ließ. Stattdessen supportete ich kleine Unternehmen, indem ich acht-Euro-Brandenburg-Burnt-Cheesecake-Stücke kaufte und sie anschließend bei Instagram postete.

Ich fand es seltsam, dass manche Nachbarn jeden Abend um neun klatschten, weil es zwar eine schöne, aber doch reichlich hohle Geste war. Ich ging spazieren und stellte mir vor, wie es wäre, einen Hund zu haben. Dabei telefonierte ich mit Facebook-Freunden, von denen ich monatelang nichts gehört hatte. Meistens waren diese Anrufe exakt terminiert, weil es eine Illusion ist zu glauben, Menschen seien spontan, bloß weil sie plötzlich mehr Zeit haben. Ich nahm weder an „House Partys“ teil noch an Zoom-Meetings. 

Oft war ich wahnsinnig wütend. Auf den feministischen Backlash und die dreifache Anforderung an so viele Frauen – Haushalt, Home Office, Kindererziehung – die einfach so vorausgesetzt wurde. Auf dieses asoziale Virus, das die Existenz vieler meiner freiberuflichen Freunde bedrohte und die sämtlicher Lieblingsrestaurants. Darauf, dass ich meine Eltern nicht sehen konnte. Und manchmal auch auf mich, weil ich so wenig abstrakte Empathie aufbringen konnte für eine fiktive Zahl potentieller Risikogruppenzugehöriger. 

Entgegen des allgemeinen Trends streamte ich nicht mehr als zuvor, zumal ich aus Protest – gegen eine allgemeine, soziale Bindungen zerstörende Binge-Watching-Kultur, ich weiß, es ist lächerlich – mal wieder mein Netflixabo gekündigt hatte. Einige Serien gefielen mir dann doch ganz gut, „4 Blocks“ zum Beispiel oder „Jerks“, wobei ich immer auf meine selbstauferlegten Regeln achtete, die besagten „maximal drei Folgen an einem Tag“ und „nie beginnen, solange es draußen hell ist“. Lieber hörte ich bei meinen hundelosen Spaziergängen „Nochmal Deutschboden“ als Hörbuch, und lachte dabei gelegentlich laut auf, worüber sich in nun wirklich Berlin niemand wundert. 

Viel Zeit und gedanklichen Raum nahm die Hundeidee ein. Stundenlang durchstöberte ich Windhundeforen, googelte „Whippet Fahrradfahren“. Dass es eine Post-Coronazeit geben würde, in der ich wieder mehr zu tun hätte und reisen würde, schien mir völlig unvorstellbar.

Ich shoppte, erst online, später dann auch im sogenannten stationären Einzelhandel. Keine Hundeleinen, sondern Bücher über Feminismus und Alkohol, oft in Kombination, hauptsächlich aber Fashion, denn dass man irgendwann mal wieder das Haus in etwas anderem als Leggins verlassen würde, war mir dann doch klar. Ich lachte über ein Meme, das einen Typen in einer Art Papstgewand zeigte, mit Bischofsstab und angeleintem Mini-Drachen, dazu die Überschrift Me coming out of Lockdown with all the stupid shit I ordered online – wohl wissend, dass ich mitgemeint war.

Ich kaufte mir eine wahnsinnig teure Outdoor-Jacke, wegen der Wind-und-Wetter-Spaziergänge, die ich mit meinem zukünftigen Hund würde führen müssen. Ich kaufte mir keine neuen Laufschuhe, aus Angst, meine Achillessehne für immer ruiniert zu haben. Auch keine Designermasken eines kleinen Berliner Labels, aus der trotzigen Überzeugung heraus, dass sie bald unnötig sein würden. Stattdessen shoppte ich eine Hose bei H&M, die weniger kostete, als ich noch vor Kurzem für zwei Gläser Wein ausgegeben hätte, und schämte mich sehr, weil es mit der Fast Fashion doch jetzt wirklich vorbei war. Als nächstes kaufte ich mir eine Handtasche, halb so teuer wie ein Welpe, in die nichts hineinpasste, schließlich hatte ich auf meinen ziellosen Quarantäne-Spaziergängen doch nie mehr gebraucht als Taschentücher, EarPods und iPhone, und war jetzt nicht sowieso das Zeitalter des bargeldlosen Bezahlens angebrochen? Jeder Kauf, und das war das Beängstigende daran, zog auf magische Weise den nächsten nach sich. Was, bitteschön, war denn nun schon wieder das Problem: Ich verdiente Geld, das, Stichwort Wirtschaft-Ankurbeln, auszugeben quasi Bürgerpflicht war, und hätte zufrieden sein können. Stattdessen wollte ich mehr und haderte damit und gab Dinge zurück und bestellte stattdessen neue und dachte verhältnismäßig wenig nach über die Männer (es waren komischerweise immer Männer), die meine Pakete kontaktlos in den vierten Stock trugen.

Einmal meldete ich mich auf einer Plattform an, die freiwillige Helfer mit Bedürftigen verband, das konnte alles sein von Einkäufe erledigen bis hin zu einfachen Handwerkstätigkeiten (dabei hatte doch schon die Fahrradaktion gezeigt, dass ich dazu nicht fähig war), aber es meldete sich nie jemand. Auch nicht bei Pets4Friends, wo ich mich als Hundesitterin anbot, nicht kontakt- aber kostenlos. Als eine Nachbarin in Begleitung ihres zauberhaften Mini-Collies ihr Paket bei mir abholte, bot ich ihr an, mal mit Paul (Obacht: Haustiernamen sind die neuen Kindernamen) Gassi zu gehen, aber auch sie meldete sich nie. 

Eines Tages ließ ich mich bei einem schrecklich empathielosen Arzt auf eine befürchtete Hundeallergie testen – seiner Meinung nach eine das Gesundheitssystem unnötig belastende Kassenleistung –, der fand, ich solle mir die Hundeidee doch einfach aus dem Kopf schlagen. Auf meinen Einwand, es handle sich um einen Herzenswunsch, entgegnete er: „Dann gehen Sie doch zum Psychologen.“ Meine kürzlich Mutter gewordene Freundin P. fragte sich, ob der Arzt (alt, weiß) mit einem männlichen Patienten ebenso herablassend umgegangen wäre, und riet dazu, eine wütende Google-Bewertung zu hinterlassen. 

Ich schüttelte den Kopf über den mittelalten, weißen Mann Attila Hildmann. Ich sah mir keine Sauerteigbrotvideos bei Instagram an, sondern “Shining”, und sah eine klaglos alle Care-Arbeit übernehmende Frau und einen alkoholabhängigen Mann, der in der self-isolation durchdreht und schließlich daran zugrunde geht. Dann dachte ich nach, über Babys und Welpen, und in welche Welt sie hineingeboren wurden. Während der ganzen Zeit trank ich überhaupt keinen Alkohol.

Parmigiana statt Paragrafen

Antonia Klugmann hat sich nie von der Männerlastigkeit ihrer Arbeitsplätze beirren lassen. Geschlecht, sagt sie, spielt in der Profiküche keine Rolle. Für A la Carte habe ich die studierte Juristin in ihrem norditalienischen Restaurant L’Argine a Vencò besucht. Besonders gut gefallen hat mir ein Pastagericht mit Erdbeeren, die wie überreife Tomaten schmeckten – und jenes Sauerteigbrot, das Klugmann zu Ehren ihres apulischen Großvaters bäckt.

Frühestens im Winter sollte der Impfstoff spätestens gefunden sein

Die wunderbare Lola Randl, Regisseurin und Autorin des halb-autografischen Romans “Der große Garten”, hat sich mit der Corona-Krise befasst. “Die Krone der Schöpfung”, das ich für Zeit Online besprochen habe, hat ähnlich viel selbstironischen Schwung wie ihr erstes Buch. Da steht, warum Großstädter jetzt noch mehr Landsehnsucht haben als sowieso und was die Landbewohner davon halten (“Nehmt euren Virus und haut ab in die Stadt, wo ihr herkommt!”) und was gegen Läusebefall auf Pflanzen und Kinderköpfen hilft und wie wir dieser seltsamen Zeit vielleicht am besten begegnen: mit einem tapferen Grinsen unterm Mund-Nase-Schutz.

Japan im Glas

Aus kulinarischer Sicht ist Japan das Nonplusultra. Köchinnen und Köche pilgern dorthin wie Yogis nach Indien. Was trinkt man da? Zum Beispiel Sake. In einem aufwändigen Verfahren werden Reiskörner poliert und anschließend zu Alkohol fermentiert. Von Motoko Watanabe, Besitzerin der Restaurants Zenkichi und House of Small Wonder, habe ich mir erklären lassen, warum manche Brauer in Bezug auf ihre Produkte von ihren Töchtern sprechen und es sich lohnt, auch hochwertigen Sake zu erhitzen. Abgesehen von Watanabe kommt in dem bei Zeit Online veröffentlichten Text auch Richie Hawtin von Sake36 zu Wort, den ich vor einiger Zeit bereits für Mixology interviewt habe.

Im Osten was Neues

Freyburg kann nur Rotkäppchensekt? Von wegen. Saale-Unstrut ist Deutschlands meist unterschätztes Weingebiet, wie ich in einem Text für die Welt am Sonntag beschließe. Allein die Reise zu Konrad Buddrus und Evi Wehner lohnt den Weg. Die Weine von Konni & Evi (in Berlin zu kaufen bei Viniculture) sind individuell, durch und durch Natur, mit großem Lagerpotential. Auch Böhme & Töchter haben wir einen Besuch abgestattet. Mit dem in Teilzeit als Cutter bei der Deutschen Welle arbeitenden Klaus Lüttmer habe ich telefoniert – er wohnt nämlich in Berlin.

Welt am Sonntag, 4. Oktober 2020

Gesichter wie weiße, mondförmige Reiskuchen

Bekannt wurde die südkoreanische Autorin Han Kang mit ihrem Bestseller “Die Vegetarierin”, ein verstörendes Buch über eine Frau, die entscheidet, keine tierischen Produkte mehr zu essen (weswegen “Die Veganerin” der korrektere Titel wäre), und sich schließlich in einen Baum verwandelt. Kangs neuer Roman “Weiß” kreist um die Leerstelle, die eine verstorbene Schwester hinterlassen hat, um Schuld am Leben und weiße Gegenstände als Symbol für den Tod. Für die Literarische Welt habe ich beschrieben, warum das Buch in all seiner Trostlosigkeit doch tröstend wirkt.

Welt, 12. September 2020

Sprudel Deluxe

Highballs werden von manchen Bartenderinnen und Bartendern nicht ernst genommen. Zugegeben sind sie im Vergleich mit Cocktails leicht unterkomplex, aber deswegen nicht zwangsläufig lau. Lustigerweise ist deren Erfindung untrennbar mit jener der sogenannten Soda Fountains verknüpft. Sprudel im Wasser war im 19. Jahrhundert so faszinierend, dass sich eine Weltausstellung des Themas annahm, in Form eines drei Stockwerke hohen Sodabrunnens. Eher bodenständig geht Katrin Löcher von der Sudermann Bar das Thema an. Ihr Flora Highball, den ich bei Zeit Online vorstelle, ist eine Hommage an den Sommer ihrer Heimatstadt Köln.

Liebeskummer lohnt sich – 99 Tage lang

Ein wenig fragwürdig finde ich Michèle Loetzners Message schon. Nachdem wirklich jeder Bereich unseres Lebens durchoptimiert wurde, ist jetzt das Beziehungsende dran (zugegeben: Gwyneth Paltrow und Chris Martin waren mit ihrem Conscious Uncoupling schon früher dran). Aber, hey, wenn es hilft? Für die Welt habe ich “Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen” gelesen und gehofft, dass ich in naher Zukunft nicht darauf zurückkommen muss.

Südlich von Stuttgart

Vieles auf der Schwäbischen Alb wird der Einfachheit halber mit “südlich von Stuttgart” angegeben. Ich weiß das, ich komme von da. Südlich von Stuttgart also befindet sich das weltweit erste Fine-Dining-Restaurant, das ausschließlich mit Demeter- und Bioland-Produkten arbeitet und zudem die Ökobilanz jedes einzelnen Gerichts auflistet. Klingt anstrengend, ist es in Wahrheit aber nicht, man kann im 1950 auch einfach einen netten Abend haben. Für die Welt am Sonntag war ich kurz nach der Eröffnung dort und habe den Koch und Unternehmer Simon Tress porträtiert, einen tüchtigen, herzlichen Schwaben, der so schnell spricht, als müsse er auch mit seiner Zeit haushalten.

Welt am Sonntag, 6. September 2020

Vitello Tonna-No

Spätestens seit dem Wahnsinnserfolg des Beyond-Meat-Burgers ist veganer Fleischersatz in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Jetzt geht es dem Fisch an die Kiemen. Deniz Ficicioglu vertreibt gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Jacob von Manteufel  aus Algen hergestellten Thunfischersatz. Betterfish klingt ein bisschen streberhaft, ist aber ganz nah dran am Puls der Zeit: ein ökologisch korrektes Produkt, das dem Konsumenten den Verzicht auf seine umweltzerstörenden Guilty Pleasures – in diesem Fall Dosenthunfisch – erleichtert. Für Zeit Online habe ich die sympathische Teilzeitveganerin Ficicioglu in einem Berliner Pizza-Imbiss getroffen.

Spuckt die salzige Limo aus

Es gab da dieses Experiment: Kindern wurde salzige Limonade vorgesetzt. Während die Jungen sie ausspuckten, tranken die Mädchen kommentarlos aus. Sie fürchteten, andernfalls nicht gemocht zu werden. Denn Mädchen werden nach wie vor zur Zurückhaltung, Bescheidenheit und zum Nettsein erzogen. Warum das so ist und vor allem, was wir dagegen tun können, darüber hat die US-amerikanische Autorin Reshma Saujani ein notwendiges Buch geschrieben. In “Mutig, nicht perfekt – Warum Jungen scheitern dürfen und Mädchen alles richtig machen müssen” geht es um Mädchen, die lieber ein Hotdog- als ein Prinzessinnenkostüm tragen, um den Mut-Muskel und Haut, die schon von sich aus glowt. Meine Gedanken dazu sind in der Welt erschienen.

Welt, 15. August 2020

Techno und Sake haben dieselbe frequency

So sieht es Richie Hawtin, einer der wichtigsten zeitgenössischen DJs (lustigerweise benutzt er das Wort Techno mit in die Luft gezeichneten Anführungszeichen). Lange, bevor Sake zum Trend wurde, begann er sich für das japanische Nationalgetränk zu interessieren. Diesen Sommer hat er gemeinsam mit zwei Partnern den Shop Sake36 in Berlin-Kreuzberg eröffnet. Für Mixology habe ich mit dem Kanadier über substance abuse, seine Ernennung zum Sake Samurai und die ideale Kühlschrankbefüllung (Wein, Champagner, Sake) gesprochen.

Richie Hawtin in seinem Shop Sake36