Alles Liebe

Jenseits der Supermarktschlange finde ich die Wiener nach wie vor nett. So lange man jedenfalls als Deutsche nicht auf die Idee kommt, einen Stuhl, pardon Sessel, zu reservieren, auch nicht, wenn man nur kurz zum Kaffeeholen nach drinnen geht. „Wie die Poolliegen auf Mallorca“, diesen Satz habe ich bereits mehrmals gehört, dabei fahren die Österreicher doch viel eher nach Zadar oder Jesolo oder an den Millstätter See.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich für die Berliner Zeitung eine Hymne auf das gar nicht stinkende, ganz und gar entzückende Wien geschrieben. Inzwischen habe ich meine Meinung etwas revidiert. Leider kommen gastronomische Trends nämlich mit mehrjähriger Verzögerung hier an, legen einem Wirte trotz erklärter Nüchternheit die Weinkarte hin, und das mit dem Daten läuft irgendwie auch nicht so rund. “Immer das wollen, was du nicht haben kannst”, sagt meine Mama dazu, und vielleicht hat sie recht. Vielleicht muss ich mich aber auch gar nicht entscheiden. Stattdessen schreibe ich ab jetzt für die Berliner Zeitung eine Kolumne über mein Leben zwischen Wien und Berlin.

Champignonbrot ade

Champignonbrot – das ist es, was mir von meinem letzten Besuch im Einsunternull in Erinnerung geblieben ist. Hauchdünn aufgefächerte Pilze mit ein wenig nichts. Begleitet wurde das Ganze von einer extremen Weinbegleitung, und zwar extrem für jemanden, der sich auf dem Feld Naturwein schon recht weit vorgewagt hat.

Heute ist das Einsunternull ein Ort, an dem man einen richtig guten Abend haben kann. Warum, habe ich für die Berliner Zeitung aufgeschrieben. Ach ja: eine irre gute alkoholfreie Begleitung gab es auch.

Erfrischender Zwischengang: Tonic-Espuma mit Stachelbeersud und Himbeergranité

Daddy Issues

Eigentlich war ich auf der Suche nach diesem einen Video, in dem Singlemänner ihre Wickelqualitäten an Puppen unter Beweis stellen mussten. Dies geschah im Rahmen der TV-Show „Geld oder Liebe“, die ich als Kind zusammen mit meinen Eltern sah, immer samstagabends nach dem Baden. Oft aß mein Papa währenddessen eine große Schüssel Butternudeln. Leider konnte ich das Video nicht mehr finden. Stattdessen stieß ich auf etwas viel Interessanteres. Eine Stern-Reporterin verbrachte einen Tag mit zwei Erwachsenen, die in ihrer Freizeit in die Rolle von Vater und Tochter schlüpfen. „Daddy“ war ein Mann im wahrscheinlich besten Alter – Gesichter und Stimmen waren unkenntlich gemacht worden –, „Little“ eigentlich eine 23-jährige Frau, die über sich selbst sagte, sie sei in Wahrheit zwei. Dementsprechend verhielt sie sich, Hello-Kitty-Malbuch-ausmalend, am Schnuller nuckelnd, der Reporterin Glitzer auf die Haut tupfend. Daddy schnitt für sie Ofengemüse klein und wechselte ihr die Windeln, wobei es, wie beide mehrfach betonten, dabei nicht um einen Fetisch ginge, und auch nicht um Sex. Kuscheln sei okay. 

Für die Welt habe ich über das Verhältnis von Vätern und Töchtern nachgedacht.


I feel you

Heute wäre Narziss der Typ, der bei Tinder zweihundert Frauen beiseite wischt und dann seufzend Spiegelselfies von seinem Sixpack macht. Aus persönlicher Erfahrung sei gewarnt: Am schlimmsten sind die, die bei Dating-Apps als Interesse „Empathie“ angeben.

Für die Welt habe ich mich mit dem inflationär gebrauchten Narzissmus-Begriff auseinandergesetzt. Dabei scheint er mir in manchen Lebenslagen durchaus praktisch zu sein, einer weltweiten Pandemie beispielsweise. Abgesehen davon wurde er gerade von der Weltgesundheitsorganisation aus dem Katalog anerkannter Krankheiten gestrichen.

“Unabhängig” bei FM4

FM4 habe ich schon als Teenie in meinem schwäbischen Dorf gehört. Entsprechend aufregend war es, Gästin in der Morningshow zu sein, im Rahmen einer Aktionswoche zum Thema „Mental Health“. Gewünscht habe ich mir die Liveversion von „Unwritten“ von My Ugly Clementine und konnte im Gespräch mit Nina Hochrainer und Dave Dempsey dann gleich mit einem Missverständnis aufräumen: dass ich aus Bayern komme.

Vom Koch zum Gärtner – und wieder zum Koch

Sebastian Leyer hat in einigen der Toprestaurants Berlins gekocht, dem Pauly Saal, dem Le Faubourg. Dann entschied er sich, lieber den Pflanzen beim Wachsen statt den Gästen beim Essen zuzusehen. Gemeinsam mit seiner Partnerin betreibt er einen Hof in der Uckermark und die Gärtnerei Hortus Tayta. Erst nachdem mein Porträt über ihn in der Welt am Sonntag erschienen ist, verriet Leyer, dass er wieder eine Teilzeitstelle im Gut Boltenhof angenommen hat – worüber ich letztes Jahr für die Berliner Zeitung berichtet habe.

“Unabhängig” bei Zeit Online

Alkoholabhängigkeit hat viele Gesichter. Wenn jemand dreißig Jahre lang jeden Abend zwei Flaschen Bier trinkt, ist das auch eine Form davon. Zum anderen scheint das Wort Abhängigkeit einen für immer und ewig an die jeweilige Substanz zu binden. Meine Therapeutin legte nahe, es anders zu sehen: “Sie sind nur so lange abhängig von Alkohol, wie Sie ihn konsumieren.”

Auszug aus meinem Buch bei Zeit Online.

It’s a book

Mit die am häufigsten gestellte Frage zu meinem Buch: Bist du das auf dem Cover? Nein, aber fragen Sie gerne die Fotografin Nora Blum. Am 26. April 2022 ist es endlich erschienen, ein Tag wie Geburtstag, mit Glückwünschen und Kuchenbackstress und an die Tür gelieferten Blumensträußen (danke an Sara, Frank und Eric), der Panik, zu viele Leute eingeladen zu haben, und dann passt es am Ende eh. Vorgelesen habe ich auch ein bisschen in meinem Wohnzimmer, als Vorbereitung auf die Buchpremiere am 12. Mai im Pfefferberg Theater (es moderiert mein Hero Daniel Schreiber).

Kochen mit Hashtags

Influencer, schreckliches Wort. Trifft in diesem Fall aber zu: sieben inspirierende Menschen, die Lust machen, sich selbst an den Herd zu stellen, vorgestellt von meinem Kollegen Heiko Zwirner und mir in der Welt am Sonntag. Gemein ist ihnen eine starke Onlinepräsenz und das in mehr oder weniger großem Ausmaß In-Beziehung-Treten mit ihren Fans. Mein persönlicher Favorit ist Alison Roman, dicht gefolgt von der wahnsinnig netten Oberösterreicherin Katharina Seiser, dank der ich jetzt weiß, wie man auch ohne Dampfkörbchen Germknödel macht.

Butterbabe

Ehrlich, wenn ich noch zwei Artikel über Butter schreibe, habe ich genug Material für ein Buch zusammen (die anderen stehen hier und hier). Dieses Mal gehe ich es für Zeit Online eher von der analytischen Seite an. Dazu spreche ich mit Julia Heifer vom Gaia, Julia Komp vom Sahila, Paul Schmiel vom Pankratiushof und David Peacock vom Erdhof Seewalde. Am liebsten zitiere ich allerdings Fernand Point: “Butter, gebt mir Butter, immer nur Butter.”

Besonders gut schmeckt das Butterbrot im Berliner Remi

iSolation

Wenn mich jemand fragt, wie ich es geschafft habe, in wenigen Monaten 350 Seiten zu schreiben, sage ich: Handy aus. Bei mir hat das Internet Öffnungszeiten, so wie früher die sogenannten Internetcafés. Montag bis Freitag von 11.30 Uhr bis 21 Uhr, am Wochenende etwas länger. In der Zeit dazwischen bin ich nicht zu erreichen, weder per Mail noch FaceTime noch WhatsApp noch SMS. Sie müssen an meiner Haustür klingeln.

Für die Welt habe ich das verstörende Buch “Stolen Focus. Why you can’t pay attention” gelesen, das die These aufstellt, dass unsere schwindende Aufmerksamkeit kein privates, sondern ein politisches Problem ist. Einige von Johann Haris Tipps beherzige ich zwar schon (keine Bildschirme vor dem Schlafengehen, alle Notifications aus, immer mal wieder in den Flugmodus), und doch hat mir sein Buch einige Tage lang richtig schlechte Laune gemacht. Ich spiele jedenfalls mit dem Gedanken, mir ein Handygefängnis zuzulegen.

🥙 hoch zwei

Gleich zweimal habe ich mich in kürzester Zeit mit jenem Fleischsandwich beschäftigt, das von Berlin aus – ob vom Bahnhof Zoo oder Kottbusser Tor, daran scheiden sich die Geister – die Welt erobert hat. In Österreich heißt der Döner Kebab, wie ich für den Standard in einer hübsch bebilderten Story feststelle. Als inoffizielles Wiener Drehspießmekka gilt die Gegend rund um die Quellenstraße im zehnten Bezirk. In Brooklyn wiederum bereitet der Exilberliner Erkan Emre das Gericht seiner Heimat zu, wie ich in der Berliner Zeitung berichte. Wer keine Lust auf den Klassiker hat, bestellt bei Kotti Döner stattdessen Kebap Taco, einen Veggie-Döner mit Tofu und Feta oder einen im Laugenbrötchen. Der vegane Dönerspieß ist noch in der Entwicklungsphase.

Gut gelaunt? Heute nicht

Angesichts der aktuellen Weltlage kann man nun wirklich nicht von zwanghafter guter Laune sprechen. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass Whitney Goodman (ja, sie heißt wirklich so) ihr Buch über toxische Positivität, das ich für die Welt bespreche, schon letztes Jahr geschrieben hat. Es geht darin um bällebadende Burnoutkandidaten, Good-Vibes-Kühlschrankmagnete und Funemployment, eine sehr optimistische Sichtweise auf Jobverluste. Erschienen ist das Buch Anfang Februar. Zwei Monate später wünscht man sich Positivität, und sei sie noch so toxisch, schmerzhaft herbei.

Bleib sitzen

Kein Wunder, dass ausgerechnet jetzt das Wirtshaus ein Revival erlebt, wie ich in einem Text für Zeit Online feststelle: Es steht für Gemütlichkeit und Geborgenheit, willkommene Eigenschaften in einer aus den Fugen geratenen Welt. Außerdem bleibt man länger sitzen als in einem Ramen-Lokal. Glücklicherweise hat sich das Wirtshaus modernisiert. So haben beispielsweise Frauen dort das Sagen wie im Münchner Xaver’s, werden regionale Gerichte mit fernen Zutaten kombiniert (Kalbskotelett mit fermentierten Pommes und Miso-Brokkoli im Schwarzwälder Ponyhof) und ein ansehnlicher Instagramaccount ist sowieso Pflichtprogramm. Ich persönliche freue mich über vegetarische Alternativen und einen ordentlichen Kaiserschmarren.

Kaiserschmarren im Alpenhaus auf der Tiroler Idalp

Viva la Größenwahn

Las Vegas ist eine irre Stadt. Alles ist siebentausendmal größer als anderswo, es eiswürfelklackert und stretchlimousint an allen hektisch blinkenden Ecken. Dann war da dieses Megalomanieschwimmbecken im MGM Hotel, zu dem mir nur ein Satz einfiel: okay, Pool. Schon eine Weile her, dass ich dort war, fast drei Jahre, um genau zu sein. Ob es die im Standard-Text erwähnten Gastronomien wohl noch gibt? Ja, und zwar alle.

Klar durchs Jahr

Blöderweise habe ich den Korkenzieher aussortiert. Am Anfang einer geplanten Nüchternheit steht nämlich das große Ausmisten. Als Erstes weg mit den Vorräten, dann Weinhandlungsnewsletter abbestel- len, den Instagram-Accounts von Winzerin- nen, Sommeliers und Schnapsbrennereien entfolgen, schließlich die aktive Meidung von Orten, an denen es offensichtlich nur ums Trinken geht. Nicht alles davon muss umgesetzt werden, wenn es nur um einen einzigen trinkfreien Monat geht, eigentlich nur der letzte Punkt. Aber vielleicht kom- men Sie ja auf den Geschmack.

Auch für die Berliner Zeitung habe ich einen Text über den Dry January geschrieben. Das zum Beweis, dass auch die vermeintlich rauschigste Stadt der Welt inzwischen ziemlich spannende alkoholfreie Alternativen bereithält.

Berliner Zeitung, 8.1.2022

Mein erstes nüchternes Jahr

Ich trinke keinen Alkohol mehr. Eine Entscheidung, die ähnlich lang heranreifte wie ein edler Bordeaux, und dann, Mitte 2020 endlich umgesetzt wurde. Gründe dafür gab es viele: unzählige an den Kater verlorene Wochenenden, eine voranschreitende Verengung der Lebensperspektive, graue Tage, Schlaflosigkeit. Ist Nüchternsein mit dem Beruf der Gastrojournalistin vereinbar? 

Die Antwort ist so klar wie meine Tageslichtlampe: absolut. Im vergangenen Jahr habe ich unzählige Entdeckungen gemacht, von ausufernden Saftbegleitungen in vegetarischen Sternerestaurants über Lavendelspritzer beim Bergwandern bis hin zum würdigen Äquivalent eines Verdauungsschnapses. Meine Erkenntnisse habe ich für die Welt aufgeschrieben.

Manege high

In Berlin ist überall Zirkus, aber nirgends so sehr wie am Rosenthaler Platz. Im dort gelegenen Circus Hostel begann für mich Berlin, dort nämlich habe ich die Nacht vor meinem Französischtest an der FU verbracht, der Voraussetzung für mein Studium war. Inzwischen kann sich das dazugehörige Hotel echt sehen lassen, wie ich für die Berliner Zeitung feststelle. Mein Lieblingsort ist das daran angrenzende CaféCodos, weil: ganz in rosa.

Alle meinen es immer ernst, sogar beim Onlinedating

Wien ist eine so hinreißende Stadt. Meine nächstgelegene Denns-Filiale beispielsweise befindet sich in einem Zehn-Meter-Deckenhöhe-Palast mit Stuckfassade, der H&M unweit des Stephansdoms ist in einem Jugendstilhaus mit Paternoster und hölzernem Treppen-, Pardon, Stiegenhaus. Die Jugend hängt vor der Karlskirche ab, einem denkmalgeschützten Barockbau, dessen Schönheit einem den Atem verschlägt, und alle räumen hinterher ihren Müll weg. Der Berliner Schlendrian hat sich nirgends durchgesetzt, nicht mal beim Onlinedating. Warum hierherzuziehen eine sehr gute Entscheidung war, habe ich für die Berliner Zeitung aufgeschrieben.


Dry this

Wie man diesen Monat angeht, ist Ansichtssache. Sieht man ihn als eine Aneinanderreihung verpasster Trinkgelegenheiten, als langweilig, eintönig, stumpf? Oder aber als eine Art kostenlosen Wellnessurlaub, mit erholsamem Schlaf, klaren Gedanken und katerfreien Wochenenden? Wir raten zu Letzterem.

Und wieder mal motiviert der Jahresbeginn zur einmonatigen Alkoholabstinenz. Seit einiger Zeit ist für mich immer Dry January, und ich feiere das sehr. Für Einsteigerinnen habe ich für den Standard ein paar Tipps zusammengetragen.

Sag ja zur Nüchternheit!

Das kann dann mal weg

Bei vielen war 2021 die Laune durchgängig im Keller. Meine befand sich in den oberen Stockwerken, wenn auch nicht auf der Dachterrasse. Zeit, für die Berliner Zeitung zurückzublicken: auf ein gastronomisches Jahr zwischen Bubble-Tea-Desastern und enttäuschenden veganen Donuts, die wett gemacht wurden von Lockdownlieblingen wie dem Burrata-Kaffeesirup-Croissant bei Café Frieda (wegen dem ich schon mal mit meinem Kollegen Jesko debattiert habe), Nicht-von-dieser-Welt-Sauerteigbrot und fantastischen alkoholfreien Getränkebegleitungen.