Null Umdrehungen

Kommen zwei alte Männer in eine Bar, ärgern sich, dass die neue Karte alkoholfrei ist, worauf der Bartender sagt: „Ich mache Ihnen schon auch einen Old Fashioned.“ So in etwa geschehen im Hotel am Steinplatz, dessen Konzept ich bei DER STANDARD vorstelle: als deutschlandweit erste Hotelbar auf Drinks wie „Ramos 0,5%“ zu setzen, mit Kamillensirup, Ayran und alkoholfreiem Bier.

Ich komm zum Glück aus Osnabrück

… mit diesem Satz wirbt die 165 000-Einwohnerstadt offiziell. Das entsprechende T-Shirt soll sogar schon auf der Pariser Fashion Week gesichtet worden sein. Für den gebürtigen Erfurter Tom Elstermeyer trifft das zweifellos zu. Sein Restaurant Iko ist mit seiner japanisch inspirierten Produktküche eine echte Entdeckung. Wer es klassischer mag, wird im Kesselhaus glücklich, in diesem Jahr wurde es mit einem Michelin-Stern bedacht. Einer, der zwar nicht ursprünglich aus Osnabrück kommt, aber dort geblieben ist, ist Thomas Bühner. Welchen Einfluss dessen ehemaliger Arbeitsplatz, das Drei-Sterne-Haus La Vie, bis heute hat, habe ich für die Welt am Sonntag erkundet.

Oft war ich wahnsinnig wütend

Anzahl der während der Quarantäne getrunkenen Quarantinis: null. Stattdessen kam die Idee mit dem Hund. Dass ich jetzt unbedingt einen haben wollte, hatte mit dem Bore-out zu tun, und vielleicht auch mit all den Neugeborenen, die ich ungelenk im Arm hielt. Nach Lockerung der Kontaktbeschränkungen traf ich mehrere „frisch gebackene“ Eltern in mir bis dahin unbekannten Parks und wunderte mich über diesen Ausdruck, denn das Einzige, was derzeit gebacken wurde, waren ja wohl Sauerteigbrote. All diese Eltern hatten berechtigte Sorgen, in welch seltsame Welt ihre Kinder da hineingeboren wurden. Allen machte ich dasselbe Geschenk: eine mit einem Geist bedruckte Schnabeltasse in geschlechtsneutralem Grau, der Farbe meines Wunschhundes.

Wahnsinn, wie viele Stunden so ein Tag hat. Mir war klar, dass es sich bei meiner Situation um ein Eins-A-allererste-Welt-Problem handelte, dass viele Menschen (Eltern, vor allem Mütter, Supermarktmitarbeitende, Angestellte im Gesundheitssektor, ausnahmslos alle Kinder) auf dem Zahnfleisch gingen, ganz abgesehen von all jenen, die wirklich krank waren (Stand Mitte Mai 2020: Ich kannte keinen). Über Geld konnte ich mich nicht mal beschweren, schließlich hatte es vom Bund eine zwar zu versteuernde, aber trotzdem recht großzügige finanzielle Zuwendung gegeben. Abgesehen davon hatte ich ordentlich zu tun. Ich sammelte Sauerteigbrotrezepte, Kuchenrezepte ohne Hefe und Eisrezepte ohne Eismaschine. Schlimm war die gähnende Leere der Tage, deren Ende ich bereits um 13 Uhr sehnlichst herbeiwünschte. 

Sicher lag das auch an meinem Home-Office-freundlichen Biorhythmus: schlafen gehen um halb elf, aufstehen zwischen sieben und acht. Was tun mit so viel Zeit? Ich ging länger und weiter joggen als je zuvor, was sich prompt in einer entzündeten Achillesferse äußerte. Als Alternative übte ich beim Morgen-Yoga den Skorpion und hörte dabei FM4-Davidecks. Danach meditierte ich mit abwechselnd zugehaltenem Nasenloch. 

Statt mein Fahrrad selbst frühlingsfit zu machen, brachte ich es in den auf Monate hin ausgebuchten Fahrradladen, hinter meiner Blumenprintmaske zerknirscht das Klischee der handwerklich unbegabten Frau erfüllend. Mitte April ging ich mit bösen Vorahnungen Bärlauch sammeln, der hier Berliner Wunderlauch heißt, die Warnungen meiner Mutter über die quasi identischen, hochgiftigen Maiglöckchen im Ohr. Das daraus entstandene Pesto war lecker und völlig ungiftig, allerdings nach wenigen Tagen verschimmelt: Keime, das große Thema dieser seltsamen Zeit. Von der hatte ich dermaßen viel, dass ich dem Basque Burnt Cheesecake beim Schwarzwerden zusah. Ich buk auch XXL Cinnamon Buns, vegane Orangenkuchen, Birnen-Mohn-Kuchen, Mohn-Eierlikörkuchen (Backen mit Alkohol war eine Sache, die ich mir nicht nehmen lassen wollte) und Rhabarber-Mohn-Kuchen, bei dem die einzelnen Rhabarberrauten mit dem Geodreieck portioniert wurden – bis mich der Umstand, dass die meisten Kuchen fast ausschließlich von mir gegessen wurden, so sehr störte, dass ich es bleiben ließ. Stattdessen supportete ich kleine Unternehmen, indem ich acht-Euro-Brandenburg-Burnt-Cheesecake-Stücke kaufte und sie anschließend bei Instagram postete.

Ich fand es seltsam, dass manche Nachbarn jeden Abend um neun klatschten, weil es zwar eine schöne, aber doch reichlich hohle Geste war. Ich ging spazieren und stellte mir vor, wie es wäre, einen Hund zu haben. Dabei telefonierte ich mit Facebook-Freunden, von denen ich monatelang nichts gehört hatte. Meistens waren diese Anrufe exakt terminiert, weil es eine Illusion ist zu glauben, Menschen seien spontan, bloß weil sie plötzlich mehr Zeit haben. Ich nahm weder an „House Partys“ teil noch an Zoom-Meetings. 

Oft war ich wahnsinnig wütend. Auf den feministischen Backlash und die dreifache Anforderung an so viele Frauen – Haushalt, Home Office, Kindererziehung – die einfach so vorausgesetzt wurde. Auf dieses asoziale Virus, das die Existenz vieler meiner freiberuflichen Freunde bedrohte und die sämtlicher Lieblingsrestaurants. Darauf, dass ich meine Eltern nicht sehen konnte. Und manchmal auch auf mich, weil ich so wenig abstrakte Empathie aufbringen konnte für eine fiktive Zahl potentieller Risikogruppenzugehöriger. 

Entgegen des allgemeinen Trends streamte ich nicht mehr als zuvor, zumal ich aus Protest – gegen eine allgemeine, soziale Bindungen zerstörende Binge-Watching-Kultur, ich weiß, es ist lächerlich – mal wieder mein Netflixabo gekündigt hatte. Einige Serien gefielen mir dann doch ganz gut, „4 Blocks“ zum Beispiel oder „Jerks“, wobei ich immer auf meine selbstauferlegten Regeln achtete, die besagten „maximal drei Folgen an einem Tag“ und „nie beginnen, solange es draußen hell ist“. Lieber hörte ich bei meinen hundelosen Spaziergängen „Nochmal Deutschboden“ als Hörbuch, und lachte dabei gelegentlich laut auf, worüber sich in nun wirklich Berlin niemand wundert. 

Viel Zeit und gedanklichen Raum nahm die Hundeidee ein. Stundenlang durchstöberte ich Windhundeforen, googelte „Whippet Fahrradfahren“. Dass es eine Post-Coronazeit geben würde, in der ich wieder mehr zu tun hätte und reisen würde, schien mir völlig unvorstellbar.

Ich shoppte, erst online, später dann auch im sogenannten stationären Einzelhandel. Keine Hundeleinen, sondern Bücher über Feminismus und Alkohol, oft in Kombination, hauptsächlich aber Fashion, denn dass man irgendwann mal wieder das Haus in etwas anderem als Leggins verlassen würde, war mir dann doch klar. Ich lachte über ein Meme, das einen Typen in einer Art Papstgewand zeigte, mit Bischofsstab und angeleintem Mini-Drachen, dazu die Überschrift Me coming out of Lockdown with all the stupid shit I ordered online – wohl wissend, dass ich mitgemeint war.

Ich kaufte mir eine wahnsinnig teure Outdoor-Jacke, wegen der Wind-und-Wetter-Spaziergänge, die ich mit meinem zukünftigen Hund würde führen müssen. Ich kaufte mir keine neuen Laufschuhe, aus Angst, meine Achillessehne für immer ruiniert zu haben. Auch keine Designermasken eines kleinen Berliner Labels, aus der trotzigen Überzeugung heraus, dass sie bald unnötig sein würden. Stattdessen shoppte ich eine Hose bei H&M, die weniger kostete, als ich noch vor Kurzem für zwei Gläser Wein ausgegeben hätte, und schämte mich sehr, weil es mit der Fast Fashion doch jetzt wirklich vorbei war. Als nächstes kaufte ich mir eine Handtasche, halb so teuer wie ein Welpe, in die nichts hineinpasste, schließlich hatte ich auf meinen ziellosen Quarantäne-Spaziergängen doch nie mehr gebraucht als Taschentücher, EarPods und iPhone, und war jetzt nicht sowieso das Zeitalter des bargeldlosen Bezahlens angebrochen? Jeder Kauf, und das war das Beängstigende daran, zog auf magische Weise den nächsten nach sich. Was, bitteschön, war denn nun schon wieder das Problem: Ich verdiente Geld, das, Stichwort Wirtschaft-Ankurbeln, auszugeben quasi Bürgerpflicht war, und hätte zufrieden sein können. Stattdessen wollte ich mehr und haderte damit und gab Dinge zurück und bestellte stattdessen neue und dachte verhältnismäßig wenig nach über die Männer (es waren komischerweise immer Männer), die meine Pakete kontaktlos in den vierten Stock trugen.

Einmal meldete ich mich auf einer Plattform an, die freiwillige Helfer mit Bedürftigen verband, das konnte alles sein von Einkäufe erledigen bis hin zu einfachen Handwerkstätigkeiten (dabei hatte doch schon die Fahrradaktion gezeigt, dass ich dazu nicht fähig war), aber es meldete sich nie jemand. Auch nicht bei Pets4Friends, wo ich mich als Hundesitterin anbot, nicht kontakt- aber kostenlos. Als eine Nachbarin in Begleitung ihres zauberhaften Mini-Collies ihr Paket bei mir abholte, bot ich ihr an, mal mit Paul (Obacht: Haustiernamen sind die neuen Kindernamen) Gassi zu gehen, aber auch sie meldete sich nie. 

Eines Tages ließ ich mich bei einem schrecklich empathielosen Arzt auf eine befürchtete Hundeallergie testen – seiner Meinung nach eine das Gesundheitssystem unnötig belastende Kassenleistung –, der fand, ich solle mir die Hundeidee doch einfach aus dem Kopf schlagen. Auf meinen Einwand, es handle sich um einen Herzenswunsch, entgegnete er: „Dann gehen Sie doch zum Psychologen.“ Meine kürzlich Mutter gewordene Freundin P. fragte sich, ob der Arzt (alt, weiß) mit einem männlichen Patienten ebenso herablassend umgegangen wäre, und riet dazu, eine wütende Google-Bewertung zu hinterlassen. 

Ich schüttelte den Kopf über den mittelalten, weißen Mann Attila Hildmann. Ich sah mir keine Sauerteigbrotvideos bei Instagram an, sondern “Shining”, und sah eine klaglos alle Care-Arbeit übernehmende Frau und einen alkoholabhängigen Mann, der in der self-isolation durchdreht und schließlich daran zugrunde geht. Dann dachte ich nach, über Babys und Welpen, und in welche Welt sie hineingeboren wurden. Während der ganzen Zeit trank ich überhaupt keinen Alkohol.

Parmigiana statt Paragrafen

Antonia Klugmann hat sich nie von der Männerlastigkeit ihrer Arbeitsplätze beirren lassen. Geschlecht, sagt sie, spielt in der Profiküche keine Rolle. Für A la Carte habe ich die studierte Juristin in ihrem norditalienischen Restaurant L’Argine a Vencò besucht. Besonders gut gefallen hat mir ein Pastagericht mit Erdbeeren, die wie überreife Tomaten schmeckten – und jenes Sauerteigbrot, das Klugmann zu Ehren ihres apulischen Großvaters bäckt.

Frühestens im Winter sollte der Impfstoff spätestens gefunden sein

Die wunderbare Lola Randl, Regisseurin und Autorin des halb-autografischen Romans “Der große Garten”, hat sich mit der Corona-Krise befasst. “Die Krone der Schöpfung”, das ich für Zeit Online besprochen habe, hat ähnlich viel selbstironischen Schwung wie ihr erstes Buch. Da steht, warum Großstädter jetzt noch mehr Landsehnsucht haben als sowieso und was die Landbewohner davon halten (“Nehmt euren Virus und haut ab in die Stadt, wo ihr herkommt!”) und was gegen Läusebefall auf Pflanzen und Kinderköpfen hilft und wie wir dieser seltsamen Zeit vielleicht am besten begegnen: mit einem tapferen Grinsen unterm Mund-Nase-Schutz.

Japan im Glas

Aus kulinarischer Sicht ist Japan das Nonplusultra. Köchinnen und Köche pilgern dorthin wie Yogis nach Indien. Was trinkt man da? Zum Beispiel Sake. In einem aufwändigen Verfahren werden Reiskörner poliert und anschließend zu Alkohol fermentiert. Von Motoko Watanabe, Besitzerin der Restaurants Zenkichi und House of Small Wonder, habe ich mir erklären lassen, warum manche Brauer in Bezug auf ihre Produkte von ihren Töchtern sprechen und es sich lohnt, auch hochwertigen Sake zu erhitzen. Abgesehen von Watanabe kommt in dem bei Zeit Online veröffentlichten Text auch Richie Hawtin von Sake36 zu Wort, den ich vor einiger Zeit bereits für Mixology interviewt habe.

Im Osten was Neues

Freyburg kann nur Rotkäppchensekt? Von wegen. Saale-Unstrut ist Deutschlands meist unterschätztes Weingebiet, wie ich in einem Text für die Welt am Sonntag beschließe. Allein die Reise zu Konrad Buddrus und Evi Wehner lohnt den Weg. Die Weine von Konni & Evi (in Berlin zu kaufen bei Viniculture) sind individuell, durch und durch Natur, mit großem Lagerpotential. Auch Böhme & Töchter haben wir einen Besuch abgestattet. Mit dem in Teilzeit als Cutter bei der Deutschen Welle arbeitenden Klaus Lüttmer habe ich telefoniert – er wohnt nämlich in Berlin.

Welt am Sonntag, 4. Oktober 2020

Gesichter wie weiße, mondförmige Reiskuchen

Bekannt wurde die südkoreanische Autorin Han Kang mit ihrem Bestseller “Die Vegetarierin”, ein verstörendes Buch über eine Frau, die entscheidet, keine tierischen Produkte mehr zu essen (weswegen “Die Veganerin” der korrektere Titel wäre), und sich schließlich in einen Baum verwandelt. Kangs neuer Roman “Weiß” kreist um die Leerstelle, die eine verstorbene Schwester hinterlassen hat, um Schuld am Leben und weiße Gegenstände als Symbol für den Tod. Für die Literarische Welt habe ich beschrieben, warum das Buch in all seiner Trostlosigkeit doch tröstend wirkt.

Welt, 12. September 2020

Sprudel Deluxe

Highballs werden von manchen Bartenderinnen und Bartendern nicht ernst genommen. Zugegeben sind sie im Vergleich mit Cocktails leicht unterkomplex, aber deswegen nicht zwangsläufig lau. Lustigerweise ist deren Erfindung untrennbar mit jener der sogenannten Soda Fountains verknüpft. Sprudel im Wasser war im 19. Jahrhundert so faszinierend, dass sich eine Weltausstellung des Themas annahm, in Form eines drei Stockwerke hohen Sodabrunnens. Eher bodenständig geht Katrin Löcher von der Sudermann Bar das Thema an. Ihr Flora Highball, den ich bei Zeit Online vorstelle, ist eine Hommage an den Sommer ihrer Heimatstadt Köln.

Liebeskummer lohnt sich – 99 Tage lang

Ein wenig fragwürdig finde ich Michèle Loetzners Message schon. Nachdem wirklich jeder Bereich unseres Lebens durchoptimiert wurde, ist jetzt das Beziehungsende dran (zugegeben: Gwyneth Paltrow und Chris Martin waren mit ihrem Conscious Uncoupling schon früher dran). Aber, hey, wenn es hilft? Für die Welt habe ich “Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen” gelesen und gehofft, dass ich in naher Zukunft nicht darauf zurückkommen muss.

Südlich von Stuttgart

Vieles auf der Schwäbischen Alb wird der Einfachheit halber mit “südlich von Stuttgart” angegeben. Ich weiß das, ich komme von da. Südlich von Stuttgart also befindet sich das weltweit erste Fine-Dining-Restaurant, das ausschließlich mit Demeter- und Bioland-Produkten arbeitet und zudem die Ökobilanz jedes einzelnen Gerichts auflistet. Klingt anstrengend, ist es in Wahrheit aber nicht, man kann im 1950 auch einfach einen netten Abend haben. Für die Welt am Sonntag war ich kurz nach der Eröffnung dort und habe den Koch und Unternehmer Simon Tress porträtiert, einen tüchtigen, herzlichen Schwaben, der so schnell spricht, als müsse er auch mit seiner Zeit haushalten.

Welt am Sonntag, 6. September 2020

Vitello Tonna-No

Spätestens seit dem Wahnsinnserfolg des Beyond-Meat-Burgers ist veganer Fleischersatz in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Jetzt geht es dem Fisch an die Kiemen. Deniz Ficicioglu vertreibt gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Jacob von Manteufel  aus Algen hergestellten Thunfischersatz. Betterfish klingt ein bisschen streberhaft, ist aber ganz nah dran am Puls der Zeit: ein ökologisch korrektes Produkt, das dem Konsumenten den Verzicht auf seine umweltzerstörenden Guilty Pleasures – in diesem Fall Dosenthunfisch – erleichtert. Für Zeit Online habe ich die sympathische Teilzeitveganerin Ficicioglu in einem Berliner Pizza-Imbiss getroffen.

Spuckt die salzige Limo aus

Es gab da dieses Experiment: Kindern wurde salzige Limonade vorgesetzt. Während die Jungen sie ausspuckten, tranken die Mädchen kommentarlos aus. Sie fürchteten, andernfalls nicht gemocht zu werden. Denn Mädchen werden nach wie vor zur Zurückhaltung, Bescheidenheit und zum Nettsein erzogen. Warum das so ist und vor allem, was wir dagegen tun können, darüber hat die US-amerikanische Autorin Reshma Saujani ein notwendiges Buch geschrieben. In “Mutig, nicht perfekt – Warum Jungen scheitern dürfen und Mädchen alles richtig machen müssen” geht es um Mädchen, die lieber ein Hotdog- als ein Prinzessinnenkostüm tragen, um den Mut-Muskel und Haut, die schon von sich aus glowt. Meine Gedanken dazu sind in der Welt erschienen.

Welt, 15. August 2020

Techno und Sake haben dieselbe frequency

So sieht es Richie Hawtin, einer der wichtigsten zeitgenössischen DJs (lustigerweise benutzt er das Wort Techno mit in die Luft gezeichneten Anführungszeichen). Lange, bevor Sake zum Trend wurde, begann er sich für das japanische Nationalgetränk zu interessieren. Diesen Sommer hat er gemeinsam mit zwei Partnern den Shop Sake36 in Berlin-Kreuzberg eröffnet. Für Mixology habe ich mit dem Kanadier über substance abuse, seine Ernennung zum Sake Samurai und die ideale Kühlschrankbefüllung (Wein, Champagner, Sake) gesprochen.

Richie Hawtin in seinem Shop Sake36

Von wegen Tellertaxi

Es soll Menschen geben, die den Kellnerberuf für ein Mittel zur Studiumsfinanzierung halten. In dieser Logik tragen Kellnerinnen idealerweise einen tiefen Ausschnitt, dann gibt’s mehr Trinkgeld. Was für ein Unsinn! Gastgeberin, wie sich die Selbstbewussten gerne nennen, ist ein irre fordernder, irre erfüllender Job. Für die Welt am Sonntag habe ich nachgefragt bei drei wunderbaren Frauen – Samina Raza vom Mrs. Robinson’s, Claudia Steinbauer vom Klinker und Bärbel Ring vom Söl’ring Hof – warum sie sich das antun: vegane Gäste, die “heute eine Ausnahme machen”, Zwölfertische mit 36 Lebensmittelunverträglichkeiten, unverschämt geringes Trinkgeld. Schön zusammengefasst hat es Bärbel Ring: “Man lernt so viel über andere und sich selbst. Ich habe jeden Abend Erfolgserlebnisse.”

Welt am Sonntag, 23. August 2020

Berlin in den Neunzigern: Erinnerungen wie Einschusslöcher

Beim Lesen von “Am Rand der Dächer” musste ich oft an Clemens Setz’ hinreissenden Leipziger Coming-of-Age-Roman “Als wir träumten” denken. Wo es diesem gelingt, gleichzeitig knallhart zu sein wie ein Amateurboxer und poetisch wie ein Hobbyastrologe, wirkt Lorenz Justs Roman oft seltsam distanziert. Schade, schließlich ist das Setting interessant für jede, die es in den letzten zwanzig Jahren nach Berlin geschafft hat. Es geht um die mehr oder weniger autofiktional erzählte Kindheit des Autors, die Nachwendejahre im kohleofenverrusten Berlin, zwischen Softairs und Einschusslöchern in bröckelnden Fassaden. Meine Rezension ist in der Welt erschienen.

Welt, 8. August 2020

Luftfahrtnostalgie

Während die einen sich vor Chemtrails fürchten, denken die anderen beim Wort Luftfahrt an perfekt geschminkte Stewardessen, Firstclass-Champagnerflöten und cremefarbene Flugzeugsessel. Aus einer solchen Laune heraus entstand wohl auch der Cocktailklassiker Aviation, ein leicht pappiger Drink auf Ginbasis, verfeinert mit Veilchenlikör. Christoph Stamm von der Basler Bar Angel’s Share hat mir für Zeit Online eine zeitgemäße Variation verraten.

Wunderschöne Variationen von Männlichkeit

Der britische Autor J.J. Bola hat ein beeindruckendes Buch geschrieben. In “Sei kein Mann”, das ich für die Welt rezensiert habe, geht es um toxische Männlichkeit und deren Ursache, nämlich das eigentlich für seine männerbevorzugenden Vorzüge bekannte Patriarchat. Anders als oft behauptet, richtet sich der Feminismus im Kern nicht gegen Männer, sondern hilft ihnen im Gegenteil, von einem veralteten und für Körper und Seele gefährlichen Ideal loszukommen. All das erzählt Bola mit leichter, anekdotenreicher Sprache. Fazit: Männer dürfen Händchenhalten, weinen und beim Lunch über Beziehungsprobleme sprechen. Warum auch nicht.

Welt, 29. August 2020

Weintrinkerinnen sind klug und sexy

… das jedenfalls behauptet die FAZ. Kann man machen! Die Überschrift gehört zu meinem Text über die burgenländische Heurigenkultur. Besonders gut gefallen haben mir Gut Oggau – über das ich bereits für die Welt am Sonntag berichtet habe – Peter Schandl und das Gowerlhaus. Letzteres, obwohl sie dort vor allem Fleisch servieren und mich einer der Brüder unbedingt “bekehren” wollte. Ich hab’s beim Wein belassen.

FAZ 16.7.2020

Business unusual

Kaum zu glauben, aber früher war es normal, beim Businesslunch keinen Matcha Latte zu trinken, sondern Martinis, und zwar drei Stück pro Person. Das Ganze wurde dann unter Spesen verbucht. Der Drink selbst hat sich gehalten. Man kann ihn so simpel behandeln wie Winston Churchill, der feststellte: “Der trockenste Martini ist eine Flasche guten Gins, die mal neben einer Wermutflasche gestanden hat.” Oder aber so raffiniert wie Stephan Hinz vom Little Link. Den Gin vakuumiert er mit Gurke, Lachs und Dill, der Wodka kommt als Heuessenz, die Olive als Erde. Wie das geht, steht bei Zeit Online.

Wir bleiben zu Hause

… und trinken Wein aus Rheinhessen und essen handgeschöpfte Schokolade aus Indien oder ein ganzes Slow-Food-Paket. Für die FAZ Woche habe ich aufgeschrieben, was es mit jenen Online-Verkostungen auf sich hat, mit denen sich Winzer, Schokoladenimporteure und andere Lebensmittelmenschen die Corona-Krise erleichtern.

Burn, Baby, burn

Meine kleine Corona-Obsession: Den Burnt Basque Cheesecake gibt es zwar schon länger, aber erst dieses Frühjahr hat er seinen Weg nach Berlin gefunden. Mrs. Robinson’s hatte ihn, später auch das Nobelhart & Schmutzig. Ich habe selbst Hand angelegt, und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Für die Naschkatzen bei der Welt am Sonntag habe ich erklärt, wie aus gerade mal fünf Zutaten etwas entstehen kann, dass süchtiger macht als Christina Tosis Crack Pie – und der ist schon auch ziemlich gut.

Rezept für Burnt Basque Cheesecake

900 g Frischkäse, Zimmertemperatur

200 g Zucker

6 Eier (L)

480 ml Sahne

2 TL Vanille Extrakt

1/2 TL Salz

40g Mehl 

Eine Springform (23 cm Durchmesser) mit Backpapier auslegen, sodass es 5 bis 7 cm über den Rand lappt. In einer großen Schüssel Zucker und Frischkäse cremig schlagen. Eier einzeln zugeben und jeweils gut unterrühren. Sahne, Vanille Extrakt und Salz dazugeben und gut unterrühren. Mehl in die Schüssel sieben und nur kurz unterrühren. Den Teig in die vorbereitete Form füllen und bei 220 Grad für 20-25 Minuten Ober-/Unterhitze backen. Kurz vor Ende die Grillfunktion anschalten. Die Oberfläche soll dunkel, beinahe verbrannt sein, das Innere noch wackeln. Abkühlen lassen, dann in den Kühlschrank geben. Bei Raumtemperatur servieren. 

„Ich trinke Jägermeister, weil mir der Tanztee noch so schwer im Magen liegt”

Mit diesem Slogan warb die uns allen in grusliger Jugenderinnerung gebliebene Spirituosenmarke vor einigen Jahrzehnten. Ganz abgesehen davon, dass so gezielt eine Riesenzielgruppe angesprochen werden sollte – Frauen, immerhin die Hälfte der Menschheit – ist sie ein schönes Beispiel für Gender-Marketing. Noch eine Werbung aus der Mottenkiste: “Ich trinke Jägermeister, weil es das einzige ist, das ich beim Fußball verstehe.” Leider ist es noch lange nicht vorbei mit dem Sexismus. Auch heute noch allgegenwärtig ist das Herrengedeck, Ramazzotti Rosato und der Eislikör Männergrippe. Warum Trinken nie geschlechtsneutral ist, habe ich für Mixology aufgeschrieben.

“Von konventionellem Wein kriege ich Geschwüre”

Starke Ansage von Isabelle Legeron, der Frau hinter der weltweit operierenden RAW-Naturweinmesse. Für B-EAT habe ich mir von der aus Cognac stammende Französin erzählen lassen, welche Anbaugebiete gerade spannend sind (die griechische Insel Samos), mit wem sie ihren magischen Moment hatte (Pierre Overnoy) und was aus ihren paar hundert Flaschen konventionellem Bordeaux geworden ist (an die Freundinnen ihrer Mutter verschenkt).