Erst kommt das Ficken, dann die Moral

Eine junge Frau, die Zeit und Sex gegen Take-away-Food und mietfreies Wohnen im Penthouse tauscht: Naoise Dolan hat einen moralisch vertrackten, sehr unterhaltsamen Roman geschrieben. Mich hat “Aufregende Zeiten”, das ich für die Welt bespreche, an den Stil Sally Rooneys erinnert, sehr psychologisch, mit Figuren, die man gerne mal durchschütteln würde und fragen, warum sie sich selbst so im Weg stehen. Liegt vielleicht auch daran, dass die beiden Irinnen sich noch vom Studium am Trinity College kennen. Mehr davon!

Dickes B

Nein, hinterm Mond leben sie hier wahrhaftig nicht, sondern hinterm Hagelberg, mit Highspeed-Internet. Für die neue Samstagsausgabe der Berliner Zeitung war ich in Belzig unterwegs – Insider lassen das Bad gerne weg – eine Brandenburger Kleinstadt mit großem Potential. Hauptsächlich liegt das am Coconat, einem sehr zeitgeistigen Ort, der Arbeit und Freizeit verbindet, Workation nennt sich das. Die kalifornische Schriftstellerin Nell Zink empfahl mir, als Vergleich dem ZEGG einen Besuch abzustatten. Es ist leicht, sich über Liebesakademien und Schoßraum-Prozessbegleitungen lustig zu machen, dabei sind das ZEGG und das Coconat genau genommen zwei Seiten einer Medaille, beides außerstädtische Mikrokosmen auf der Suche nach einer besseren Welt. Die einen nennen es gewaltfreie Kommunikation und Permakultur, die anderen Photovoltaik und Concentrated work in Nature.

Soll die Welt doch untergehen – wir hören Schubert

Von wegen Wolken: Der Himmel ist enzianblau. Ein Tag im „Waldhaus“ beginnt auf der Speisesaalveranda mit Eggs Benedict und dem Blick auf Rehspuren im Neuschnee. Garantiert frei von Inzidenzzahlen ist die „Hauspost“, die einen „Pasta Plausch für alle Waldhaus-Gästekinder“ ankündigt und das „Schlittelabenteuer (sic) Preda“. Wer seine Nachrichtensucht noch nicht überwunden hat – nach spätestens zwei Tagen Halbpension sollte das der Fall sein – freut sich auf das Rascheln einer Printausgabe.

Für die Welt war ich drei wunderbar-entrückte Tage lang im Waldhaus zugegen, einem Grandhotel im Schweizer Engadin. Und die Pandemie?Während Deutschland die Tage bis zum ersten Friseurbesuch zählte, ließ ich mir im Spa die Kopfhaut massieren. 

Was zählt, ist das Feeeeeling

Ich glaube an Aszendenten, Akupunktur und dass es Glück bringt, wenn man auf der Straße gefundene Centstücke eine Weile auf dem Schreibtisch liegen lässt. Abgesehen davon trinke ich die Kraft des Lichts. Das jedenfalls verspricht Mark Gebehart mit seinem Kräuterelixier Markmans, das ich bei Mixology vorstelle. Dessen wording ist schon ziemlich gewagt, mit steilen Thesen wie „Gedankenveredler“ und „Du atmest die Seele, das Licht der Natur“.  Andererseits spricht das total meine esoterische Seite an, meine innere kleine Schwester, die beim Mandalamalen Edgar Tolle hört. Und gegen ein bisschen Magie im Alltag ist doch nichts einzuwenden, oder?

Du glaubst, es geht nicht mehr, da kommt Österreich daher

„Was geht, Österreich?“, das fragen sich wohl viele, und zwar nicht erst, seitdem ein Koks-und-Sauf-Video eine Staatsaffäre auslöste. Die aus einem oberösterreichischen Kaff stammende Eva Reisinger hat zu diesem Thema ein lustiges, wahres, auch engagiertes Buch geschrieben, das ich für die Welt bespreche. Es geht um Herrgottsfurcht und Hobbykeller, die „Generation Sebastian“ und die „Spritzerkultur“. Und leider auch darum, warum ihre Landsleute uns Piefkes nicht mögen: Sie finden, wir haben keinen Schmäh, können nicht skifahren und verbringen zu viel Zeit mit Arbeit. Außerdem sagen wir „lecker“. 

Das schwarze Rechteck der Möglichkeiten und des Grauens

Mal angenommen, Jenny Odell wäre Präsidentin, die USA wären ein ziemlich lebenswertes Land. Sie plädiert für die Bewahrung öffentlicher Räume, den Respekt gegenüber der Natur und deren Ureinwohnern, die Renaturierung der Lebensräume kalifornischer Rotbeinfrösche, für Nachbarschaftssolidarität und die Re-Analogisierung des Lebens. Was sie über ihr Smartphone schreibt, dieses “schwarze Rechteck der Möglichkeiten und des Grauens”, spricht mir aus der Seele. Außerdem ist sie passionierte Vogelbeobachterin. Für Zeit Online habe ich ihr beeindruckendes Buch “Nichtstun” gelesen und richtig viel Lust bekommen, der Effizienzgesellschaft ein Fuck Off entgegenzurufen.

Das Beste von schwäbischen Streuobstwiesen

Jetzt ist wieder Fastenzeit. Am ehesten verzichten die Menschen – es sind bei Weitem nicht nur Christinnen – auf Alkohol. Eine tolle Alternative zu Sekt sind die Priseccos des schwäbischen Alkoholfreipioniers Jörg Geiger, die ich in der Welt vorstelle. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Sektflaschen, es ploppt auch genauso silvestrig und das immer leicht obszöne Überlaufen der Flasche hebt sofort die Stimmung. Nur dass eben gilt: Je mehr man davon trinkt, desto weniger betrunken wird man. Ich mag besonders gerne die Champagner Bratbirne.

Lockdownlieblinge

Dem Tagesspiegel habe ich verraten, mit welchem Essen ich durch die Corona-Pandemie komme. Ein absolutes Highlight ist das Double Baked Croissant von Sofi,, für das frühe Vögel leider sehr früh aufstehen müssen, wenn sie erst mal von Friedrichshain nach Mitte radeln müssen. Weitere Highlights sind die Ofengemüsepizza mit extra Burrata von Tiny’s, der Sabich-Teller von Kitten Deli und kuratierte Vorratskammern wie Up and Coming und The Good Taste

Double Baked Happiness

Eine recht neue, der Pandemie geschuldete Kategorie ist das Instafood. Essen, das nach Gönnung aussieht, Essen, für das man freiwillig länger ansteht als für einen PCR-Test, und das noch an Ort und Stelle dokumentiert werden muss, nicht zuletzt als Selbstvergewisserung der eigenen Willenskraft: Solange ich bei Schneeregen eine halbe Podcastfolge lang in der Kälte stehe, kann es so schlimm nicht sein. Oft sehen die Dinge besser aus als sie schmecken. Nicht so das Double Baked Croissant, das ich in der Welt am Sonntag lobe. Die Berliner Bäckerei Sofi macht es besser als alle anderen, mit hausgemachter Brombeermarmelade und tröstlicher Mandelcreme, die im Mund zu einem einzigen großen Like verschmelzen.

Vienna calling

Für Companion Magazine bin ich mit der tollen Zara Pfeifer durch Österreichs Hauptstadt spaziert. So gelangte ich an Orte, die selbst ich als Wienerin im Herzen nicht kannte: das Kleine Café mit seinen tollen Eierspeisen, ein Türke, der sich Berliner Restaurant nennt, das Dach der Secession, der Wohnkomplex Alt-Erlaa. Muss man noch mal erwähnen, dass diese Stadt die mit der höchsten Lebensqualität ist? Muss man nicht.

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Pinova statt Pinot Noir

Über ein Jahr ist es her, dass ich ein Mietauto die schwindelig machenden Serpentinen am Südtiroler Ritten hinaufgelenkt habe. Zum Glück nüchtern! Dort oben, auf 1000 Meter Höhe, produziert Thomas Kohl sortenreine Apfelsäfte. Serviert werden sie im Stielglas, pur als Aperitif oder als Essensbegleiter. Mein Favorit war die Sorte Hopfen, die mich heute, ein Jahr später, wiederum an manche Kombuchas erinnert. Erschienen ist die Geschichte im Feinschmecker.

Die Geister, die nicht mehr anriefen

Dolly Alderton gehört für mich zu den feinsinnigsten, selbstironischsten Autorinnen der Gegenwart. Ihr “Alles, was ich weiß über die Liebe” ist eine Bibel der halb-verzweifelten, halb-lebenssatten Um-die-Dreißigjährigen Frauen. Jetzt hat die Britin einen fiktionalen Roman geschrieben, der allerdings viel Autobiografisches enthält. Mir hat “Gespenster” großen Spaß gemacht, wie ich in der Welt erkläre, mit seinem Feel-Good-Sound, hinter dem sich die Online-Dating-Misere der Gegenwart verbirgt. Vordergründig geht es darin ums Ghosten, jenes leider weitverbreitete Phänomen, bei dem sich Menschen im Lauf einer intimen Beziehung einfach nicht mehr beim anderen melden.

High and Dry

Manchmal ist das Leben ein Radiohead-Song. High and Dry, und das sogar im schlimmsten Monat des Jahres. Für Mixology habe ich meine fünf liebsten alkoholfreien Getränke vorgestellt.

JWD

Janz weit draußen jibt es für die Berlinerin allerhand zu entdecken. Eine zur Versuchsküche umfunktionierte Datsche beispielsweise, in der Vadim Otto Ursus mexikanische Riesentagetes trocknet, Vogelbeeren pult oder im Backofen Birnensaft pasteurisiert. Dessen Restaurant Otto gehört zu meinen Lieblingsorten in der Hauptstadt, dementsprechend glücklich war ich, den 28-Jährigen für eine Geschichte im Fräulein Magazin in der Schorfheide besuchen zu können. Ich denke gerne an diesen Ausflug zurück. Es war Spätsommer, wir tranken Kaffee auf der Terrasse, aßen die von Vadims Mutter gebackenen Nusskipferl und unter dem Tisch lag ein Whippet namens Louis.

Ich hasse keine Männer

Ein Titel, so spitz wie Madonnas Kegel-BH, der im Zahnarztwartezimmer oder an der Tramhaltestellte garantiert für Aufsehen sorgt, ein Buch wie ein pinker Molotowcocktail. In Frankreich sollte Pauline Harmanges “Ich hasse Männer” verboten werden und löste dadurch natürlich erst recht einen Skandal aus. Obwohl ich ihre Meinung nicht teile, habe ich das Buch für die Welt mit Interesse gelesen. Hat man sich vom ersten Schock des Titels erholt, stehen viele gute Dinge darin, zum Beispiel, dass Frauen auch in vermeintlich gleichberechtigten Beziehungen den Löwinnenanteil der emotionalen Arbeit und des mental loads übernehmen und viel öfter an zwanghaftem Perfektionismus bei gleichzeitigen Minderwertigkeitsgefühlen leiden als Männer. Was Harmange außerdem empfiehlt und nicht schaden kann: ein bisschen mehr Frauensolidarität.

Der genau richtige Buzz

Sake, findet Richie Hawtin, hat dieselbe Frequenz wie Techno. Eine, die Menschen zusammenbringt, ein beautiful vibe, auf den sich alle einigen können. Für die Welt am Sonntag habe ich mich noch mal an meinen Besuch bei Sake36 erinnert und an die Begegnung mit dem sehr sympathischen Hawtin – einem der wichtigsten zeitgenössischsten DJs der Welt.

Scobylicious

Was ist ein Scoby? Was braucht er zum Leben? Und wann wird es Zeit für einen Aufenthalt im Scobyhotel? Diese Fragen haben mir die Boys von Bouche für einen Text bei Zeit Online beantwortet. Deren Kombuchas gehören zu meinen absoluten Favoriten, vor allem die leider bislang nicht im Handel erhältlichen Experimente mit aus den USA importierten Bierhefen. Zurück zur Ausgangsfrage: Ein Scoby ist ein Hefepilz, der gesüßten Tee in Kombucha verwandelt. Wenn man auf ausreichend Hygiene achtet, ist er eigentlich ganz pflegeleicht, man muss ihn jedenfalls nicht so regelmäßig füttern wie einen Sauerteigstarter. Nach einigen Fermentationsdurchgängen sollte man ihm in seiner eigenen Flüssigkeit etwas Ruhe gönnen, die Bouche-Boys sprechen in diesem Zusammenhang vom Scobyhotel.

Wir freuen uns schon mal vor

Ein schönes Gedankenspiel zu Beginn eines unsicheren Jahres: Wohin reisen wir als erstes, wenn Reisen wieder möglich ist? An welchem mit handgetöpferten Wasserkaraffen gedeckten Tisch nehmen wir Platz, für welches regional-saisonale Sterne-Menü geben wir unser Geld aus? Gemeinsam mit anderen Welt-am-Sonntag-Autoren habe ich mich in eine unsichere Zukunft geträumt. Meine drei ersten Anlaufstellen werden hoffentlich der Berliner Brunchtempel Frühstück 3000 sein, Fabio Haebels XO Seafood Bar und das Schwarzwälder Boutiquehotel Mühle Schluchsee mit seinem japanisch-orientierten Restaurant Oxalis – dachte ich jedenfalls, bis ich erfuhr, dass Koch Max Goldberg kurz nach Erscheinen des Texts bereits weitergezogen ist. Manchmal ist die Realität leider schneller als die Träume.

Welt am Sonntag, 3. Januar 2021

Die Soup Lady von West-Berlin

Schwül pappt die Wärme über der Stadt wie Klebreis. Es ist Anfang Juni und die Temperaturen endlich hoch genug für scharfes Essen, denn jeder Thai weiß, dass das den Kreislauf in Schwung bringt. Wir sind im West-Berliner Stadtteil Wilmersdorf, zur sagenumwobenen Kantstraße sind es dreißig schweißtreibende Minuten Fußweg. Das Thai-Art befindet sich im Erdgeschoss eines Bausündenbaus, neben einer Metzgerei, die Gulasch für 3,50 Euro anbietet. Keep it simple: Drei Tische, eine Bierzeltgarnitur, Sonnenschirm. Auf dem Tisch in Folie eingeschweißte Essstäbchen und Besteck, ein Kleenexspender und jene ominösen Schüsselchen, deren Inhalt von Europäern meist willkürlich übers Essen gekippt wird. 

Eine Beschreibung wie aus einer anderen Welt. War jemals Sommer? Konnte man sich jemals zum Essen hinsetzen? Ja, es muss so gewesen sein, schließlich ist aus diesen Umständen ein Artikel für die Healthy Times entstanden, das neugegründete Magazin der großartigen Healthy Boy Band. Thai-Art, jener entrückte Westberliner Imbiss, in dem die Leute weder Deutsch noch Englisch sprechen, hat zwar eine Telefonnummer, es geht aber nie jemand ran. Man muss den Weg also einfach auf sich nehmen, um mit dem besten Pad Thai der Stadt belohnt zu werden. Wenn es denn wieder möglich ist.

Healthy Times, die erste

High and dry

Mein persönlicher Dry January dauert schon eine Weile an. Mittlerweile hab ich mich durch vieles probiert und einige Favoriten gefunden: Die vielfältigen, sehr erwachsenen Priseccos von Jörg Geiger, der aperolartige Italian Spritz von Lyre’s, alkoholfreier Gin von Laori, Kombucha in allen Variationen, zum Beispiel von Bouche oder der meiner Mitbewohnerin und Markmans, mein Verdauungsschnapsersatz. Unterstützung gab es unter anderem von Isabella Steiner und Katja Kauf von Nüchtern Berlin. Ob für einen Monat oder das ganze Leben: Für Zeit Online habe ich mit Steiner darüber gesprochen, was man trinkt, wenn man nicht trinkt.

Meistens war ich kein bisschen wütend

Es war exakt wie beim Yoga, wenn man ein Asana, etwa das Happy Baby, nach dem ersten Durchgang spiegelverkehrt wiederholte. „Now we know where we are going“, gurrte Leigha Butler mit ihrer Räucherstäbchenstimme aus dem YouTube-Video heraus. „Enjoy the journey.“ Das mit dem Genießen ist in Zeiten einer weltweiten Pandemie natürlich so eine Sache. Aber man wusste ja, was kommen würde, und konnte dementsprechend loslassen. Und loslassen war nicht nur beim Yoga wahnsinnig wichtig. 

Von einem Lockdown Light war dieses Mal die Rede, dabei weiß man doch, dass in jedem Diätprodukt der Teufel steckt. Spontan fiel mir die in den letzten Monaten in meiner Gegenwart etwas zu häufig konsumierte Cola Light ein und kurz darauf jene Tätowierung, die mich so frech zum Weitertrinken aufgefordert hatte. Beidem hatte ich mich entzogen. Dem Lockdown konnte ich mich, wie alle anderen, nicht entziehen.

Wenigstens der Berliner Himmel wirkte im letzten Quartal dieses bizarren Jahres viel leichter als in vorherigen Wintern, nicht wie eine stehen gelassene Kartoffelsuppe, eher wie ein Glas Hafermilch, und das sogar im November. Konnte daran der Klimawandel schuld sein? Oder das nationale Bekenntnis zum Homeoffice?

Wenig überraschend war Cocooning das Gebot der Stunde. Menschen sollten zu Hause bleiben und dabei möglichst viel konsumieren, Biobettwäsche mit einer Fadendichte von 300 beispielsweise. Mein bescheidener und zugleich völlig abartiger Wunsch derweil war, in Berlin eine Wohnung zu finden. Das, nennen wir es mal, Problem bestand schon seit etwa einem Jahr. Während dieser Zeitspanne hatte ich es auf exakt zwei Besichtigungen gebracht. Einmal, im Frühjahr, fuhr ich mit dem Fahrrad zum südlichsten Ende Neuköllns, das genau genommen schon nicht mehr zum Stadtgebiet gehörte, und wunderte mich noch, dass sogar die Bürgersteige gekopfsteinplastert waren. Die Wohnung befand sich in einem ehemaligen Krankenhaus, nicht unähnlich der Jüdischen Mädchenschule und so hübsch saniert, dass ich sofort eingezogen wäre, aber: kein Balkon und keine Chance, dass einen da draußen jemals jemand besuchen kommen würde. Die zweite Wohnung war ähnlich randlagig und hatte nichts mit meinem Bild von Charlottenburg zu tun, einem Kiez, in dem doch jeden Tag Wochenmarkt war und man sämtliche Blumenhändlerinnen mit Vornamen kannte. Noch dazu war alles, was in der Anzeige stand, erstunken und erlogen. Der Vermieter war ein etwa fünfundsiebzig Jahre altes Männlein, das mich an meinen verstorbenen Musiklehrer Herr Witzenbacher erinnerte (der Geigengott hab ihn selig). Frei von jeder Scham führte er mich durch die als “2-Zimmerwohnung in Stadtvilla” angepriesene Immobilie, ein schäbiger Fünfzigerjahrebau mit Linoleumboden statt “Dielen”, keinem statt “einem Balkon” und einer Miele-Spülmaschine, die mein immer für die Techniknostalgie früherer Zeiten empfänglicher Onkel bestimmt in seine Sammlung aufgenommen hätte. Auch ging es längere Zeit um die Vorzüge eines Einbauschranks, der mich an das in der siebten Klasse durchlittene Waldschulheim erinnerte. Jetzt ergab alles Sinn, die Angabe einer Telefonnummer statt einer E-Mailadresse, die nicht vorhandenen achthundert Mitbewerber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn mich das Männlein gebeten hätte, mich in Zukunft per Fax zu kontaktieren. Dazu kam es natürlich nie.

Kurz erinnerte mich das an die Zustände im Neuköllner Gesundheitsamt, wo dem Tagesspiegel zufolge mehrere Dutzend Mitarbeitende jedem zuvor vom Robert Koch Institut DURCHGEFAXTEN Coronafall hinterhertelefonierten, vorzugsweise aufs Festnetz. Für einen Podcast blieb offenbar trotzdem noch genug Zeit. Warum so wenige Leute die Corona-Warn-App installierten, konnte ich nicht verstehen.

Derweil kamen neue Kinder auf die Welt. Schon bevor ich zum ersten Mal ein Foto von ihr sah, verliebte ich mich in die kleine Rosa, schon aufgrund ihres Vornamens. Man muss dazu sagen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit eine absurde Diskussion geführt hatte zu der Frage, ob man als Feministin seine Tochter so nennen dürfe, dabei weiß man doch, dass die Assoziation rosa gleich girly ein kulturelles Konstrukt ist und die heutigen Geschlechtsfarben bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts andersherum besetzt waren und Rosa früher mal die Farbe der Könige war und die offizielle Feminismusfarbe seit den Siebzigern sowieso Lila ist. Natürlich hatte ich am Ende recht. Der kleinen Rosa schickte ich nicht wie den letzten Babys whippetgraue Schnabeltassen, sondern Spucktücher in Softeisfarben und ökologisch zertifiziertes Plastikbesteck und für ihre Mutter eine Flasche Südtiroler Hopfensaft. Die Süddeutsche Zeitung empfahl derweil, jungen Eltern lieber Hörbuchabos zu schenken oder selbstgemachtes Pesto oder mit deren Erstgeborenen auf den Spielplatz zu gehen: “Einfach mal die Kinder nehmen und Tschüss.”

Egal ob für mich oder andere: Nach wie vor übte Shoppen einen großen Reiz auch mich aus, so wie auf viele, gemessen an den tagein, tagaus die Friedrichshainer Straßen blockierenden DHL-Autos. Noch vor dem zweiten Lockdown kaufte ich mir einen wadenlangen Mantel aus recycelten Daunen. Zum einen, weil das Hygienekonzept der meisten gastronomischen Einrichtungen in einer einzigen, schnell erklärten Maßnahme bestand: Fenster auf. Zum anderen, weil das einzige, was die Welt von mir in den kommenden Wochen zu sehen bekommen würde, Mäntel, Socken und Schuhe wären. Der Zeit zufolge lag ich mit meinen martialischen Dr. Martens auf der Höhe der, nun ja, Zeit. Sie hatten sich schon einige Winter lang bewährt, weil man sich damit fühlte wie eine Kriegerin, gemäß Rainald Goetz’ schönem, wahrem Satz: “Wütend schritt ich voran.” Mit dem Unterschied, dass ich neuerdings oft kein bisschen wütend war. Das mit dem ganzen Shopping für die Katz war wie eine Art “Des Kaisers neue Kleider” unter umgekehrten Vorzeichen: Wir waren angezogen und hatten den Kopf voller Trends, in Wahrheit aber hätten wir ebenso gut nackt sein können.

Als sehr sinnvoll empfand ich den Kauf neuer Laufschuhe, schließlich hatte sich meine Achillesferse von den Strapazen des ersten Lockdowns vollständig erholt. Zu diesem Zweck fuhr ich mit dem Rennrad zum Ku’Damm und fand mich wieder in einer Szene, die den Niedergang des Einzelhandels nicht besser hätte beschreiben können. Karstadt Sports, ein prominent zwischen Bahnhof Zoo und Tauentzienstraße hingekegelter Brutalismusbau, hatte Räumungsverkauf. “Alles muss raus” stand auf riesigen, sich über mehrere Stockwerke entrollenden Bannern. Corona hin oder her, das musste man den Leuten nicht zwei Mal sagen. Beim Anblick der viertelleeren Regale fühlte ich mich an kubanische Lebensmittelgeschäfte erinnert. Bemerkenswert, wie viel Kundenkontakt der Mitarbeiter der Laufschuhabteilung noch performte, ein tapferer Kapitän auf seinem sinkenden Schiff. Er tat mir leid, und ich konnte nichts für ihn tun. Wahrscheinlich bekam er nicht mal eine Provision. Abgesehen von den Laufschuhen kaufte ich eine Schwimmbrille, eine Badekappe und etwas, das ich kurz darauf bereits vergessen hatte, und bezahlte lächerlich wenig. Yogablocks waren ausverkauft.

Einige Zeit später hatte ich bei Decathlon einen kurzen Leif-Randt-Moment. Dessen Berlinroman “Allegro Pastell” gehörte zu meinen kulturellen Highlights dieses leseintensiven Jahres, auch weil die Protagonistin das Sportkleidungshoppen beim Discounter als Teil ihrer sorgfältig kuratierten personality begreift. Anders als Tanja Arnheim brachte ich es allerdings dann doch nicht über mich, mehr als ein paar Fleecehandschuhe für 1,99 Euro zu erwerben, dabei wirkten die Decathlonmitarbeiter viel ausgeglichener als die bei Karstadt Sports. Als antizyklischer Kauf muss wohl die aus recyceltem Plastik hergestellte, in einem semi-vertrauenswürdigen Onlineshop erstandene Reisetasche von Patagonia bezeichnet werden.

Dass meine Angst wuchs, und zwar ebenfalls antizyklisch – schließlich stellte sich den Leitmedien zufolge doch zusehends eine allgemeine Pandemiemüdigkeit ein – bewies meine Alltagsmaskenwahl. Bislang hatte ich meine drei im Wechsel getragenen Modelle (Perlmuttweiß, Pink-Orange, Blumenprint einer Nürnberger Designerin) eher als modisches Statement betrachtet. Je mehr ich jedoch über das Post-Fatigue-Syndrom las, die lange nach einer überstandenen Corona-Infektion anhaltende, dauerhafte Erschöpfung, desto mehr zweifelte ich an der Schutzfunktion einer höchstens bei dreißig Grad waschbaren Maske. Die Zeit war reif für FFP2, das Filtering Face Piece, fünf Euro das Stück. Die zuvorkommende Apothekerin gratulierte mir zu meiner Entscheidung, zusammen mit dem Hinweis, der Schutz vor einer Ansteckung sei damit für zwei Stunden garantiert. Das kam mir sehr kurz vor. Von da an fragte ich mich bei jedem Foto, auf dem die Kanzlerin oder andere wichtige Menschen mit FFP2-Masken zu sehen waren, ob diese wohl seit mehr als zwei Stunden in Gebrauch waren, und fühlte mich wie eine Denunziantin. Meine eigene FFP2-Maske tauschte ich spätestens dann aus, wenn der die Nase überspannende Metallbügel gebrochen war, manchmal auch ein bisschen früher. Wenn mich das schlechte Gewissen überkam, und das passierte öfter, dachte ich an M., der seine Einwegmaske immer zum Trocknen am Fahrradlenker befestigte, und daran, was Corona aus uns gemacht hatte: obrigkeitshörige Spießbürgerinnen.

Genau wie im ersten Lockdown telefonierte ich viel, jetzt sogar, next level, mit Instagram- statt Facebookfreundinnen, jedenfalls war das mal der Plan gewesen, denn besonders zum Jahresende hin schienen alle wieder dermaßen beschäftigt zu sein, dass Telefonate mehrere Tage im Voraus geplant und dann doch kurzfristig abgesagt wurden. Einen anderen Instagramfreund traf ich sogar in real life, zu Spaziergängen mit einem zauberhaften Pudel, der nach der Popsängerin Robyn benannt war. Dann war da noch Pudelmischling Toni, mit dessen Besitzerin ich am Paul-Lincke-Ufer Croissants mit flüssiger Haselnussfüllung aß, während türkische Männer mit riesigen Schnauzbärten es für eine gute Idee hielten, ihre Boulekugeln bis knapp vor unsere Füße zu werfen. Tonis Stirnfransen hingen ihm in die Augen, ein Hinweis darauf, dass von den staatlich verordneten Einschränkungen wohl auch Hundesalons betroffen waren. Inzwischen hatte ich mich halbwegs mit der Vorstellung arrangiert, keine Windhundemama, sondern eine Pudelmama zu werden, die durften in der Deutschen Bahn auch ohne Aufpreis mitreisen. Schuld waren der empathielose Hautarzt und sein Allergietest und seine Weigerung, noch irgendetwas für mich zu tun, außer mich meinem hundelosen Schicksal zu ergeben. Mit Ausnahme des Matheabiturs war Aufgeben allerdings noch nie mein Ding gewesen.

An einem Sonntagvormittag, der so feucht war wie eine Pudelschnauze, fuhr ich mit einigen Freundinnen und der Mischlingshündin Lilli in den Tegeler Forst. Dem herbstlichen Pilzesammeln begegnete ich qua Erziehung mit ähnlichen Vorbehalten wie dem Bärlauchsammeln im Frühjahr. In der Vorstellung meiner Mutter war die Wahrscheinlichkeit, an einem Kahlen Krempling zu sterben, fast so hoch wie beim Fahrradfahren mit AirPods im Berliner Straßenverkehr (übrigens kann man mit dem Modell der ersten Generation viel besser telefonieren). Anlass zur Sorge gab es dieses Mal allerdings nicht, weil in unserem Pilzkörbchen nichts landete außer die Schalen der unterwegs verzehrten Mandarinen. Es war schon fast Advent.

Natürlich backte ich wieder. Pumpkin Cheesecake und leicht verhunzte Mohnkekse und Nussplätzchen in Vulvaform (dass ich nie wieder Vagina und Vulva verwechseln würde, hatte ich Liv Strömquists “Der Ursprung der Welt” zu verdanken). Wie viele stillende und schwangere Frauen es in meinem nahen Umfeld gab, merkte ich wieder einmal, als mein mit Bourbon verfeinerter Pecan Pie freundlich aber bestimmt zurückgewiesen wurde. Außerdem backte ich Tonkabohnen-Macadamia-Kipferl, ohne zu wissen, dass Tonkabohnen bei übermäßigen Verzehr giftig sind. Ohne schlechtes Gewissen benutzte ich hingegen das Sonderedition-Duschgel von Weleda – mein erster und einziger Hamsterkauf dieses Jahr – und jenes ebenfalls nach Tonkabohne duftende Parfum, das mir von einem hippen New Yorker Label als verfrühtes Weihnachtsgeschenk geschickt worden war, in einer personalisierten Flasche. Am Anfang roch es nach Babyfeuchttüchern, bald jedoch wie ein Versprechen – und schließlich würde doch alles gut werden, oder?

Die Wohnungssuche sprach leider eine andere Sprache. Einmal war ich so verzweifelt, dass ich dem ImmoScout-Bot mein Leid klagte. Mir war schon klar, dass es sich dabei um eine sogenannte künstliche Intelligenz handelte, und trotzdem war sein “Ich verstehe Ihre schwierige Situation” so wohltuend, dass ich plötzlich verstehen konnte, warum man Robbenroboter in der Altenpflege einsetzen will. Kurze Zeit später hatten sie mich so weit, dass ich mir einen Premiumaccount erstellte. Bislang hatte ich mich mit dem Argument geweigert, das System als solches (Mietmotivationssschreiben, die Berliner Immobilienblase, den Kapitalismus) nicht unterstützen zu wollen, dabei war ich schlichtweg zu geizig gewesen. Der oft zitierte schwäbische Geiz, er hatte gleichaltrige Freunde längst zu Hausbesitzern gemacht, während ich selbst weder ein Bett noch einen Schrank besaß, was meine Mama stellvertretend für mich zum Weinen brachte. Mit einer Mischung aus Fatalismus und innerer Emmigration legte ich also ein Profil an, inklusive jenes Fotos, das ich einige Monate zuvor bei einer feministischen Instagramchallenge verwendet hatte, wohl wissend, wie schäbig das war. Dann schrieb ich einen Text, für den ich mich an jeder anderen Stelle ins Bodenlose geschämt hätte, von wehenden Vorhängen und einem Schreibtisch im Schattenspiel, weil ich dachte, so was wollen sie vielleicht lesen, die Halsabschneiderhausverwaltungen. Von nun an verfolgte ich die Zugriffszahlen meiner Wunschimmobilien mit ähnlichem Eifer wie andere die Corona-Neuinfektionen. Auch dafür bezahlt man nämlich bei ImmobilienScout24: um zu sehen, wie viele andere arme Seelen ebenfalls das tiefe Tal der Berliner Wohnungsnot durchwandern. Nach vier Tagen hatten 1733 User dieselbe Immobilie mit einem Herz versehen wie ich und 844 davon eine Kontaktanfrage gesendet. Zahlen, die mein Vorstellungsvermögen überstiegen und dafür sorgten, dass ich von einer Berghütte zu fantasieren begann, in die ich mich bis zum Ende der Pandemie verschanzen könnte. “Einfach mal die recycelte Reisetasche nehmen und Tschüss” oder, in den Worten meiner Freundin A., Rosas Mutter, die natürlich Feministin ist: Tschüssikowski.

Stichwort Yoga: Wenn man es genau nimmt, ist das Happy Baby übrigens nichts anderes als ein der ganzen Welt entgegengestrecktes Hinterteil.






Fromage Fromage

Wahrscheinlich hat Hubert Stockner den ungemütlichsten Arbeitsplatz der Welt. Mit dem urlaubseufzenden Bergpanorama im Rücken geht es durch eine Metalltür hindurch in einen scheinbar endlosen, geduckten Gang. Zehn Grad herrschen im Genussbunker und nahezu hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. Rund 6500 Käselaibe reifen hier ihrer Perfektion entgegen, die allesamt von Hand umgedreht werden müssen. Für die Welt am Sonntag habe ich mich mit dem faszinierenden Beruf des Affineurs beschäftigt. Und der Affineurin, in diesem Fall Anke Heymach und ihrer Firma Der Rheingauaffineur.

Liebe geht, Kummer bleibt

Was hast du heute geschafft: nichts, nichts oder nichts? Es stimmt, Liebeskummer ist das absolute Gegenstück zur neoliberalen Nutze-den-Tag-Mentalität und eigentlich ein gutes Mittel zur Revolution. Weil er so verdammt unangenehm ist, wünschen wir uns allerdings, er möge so schnell wie möglich vergehen. Wie schnell ist schnell? Ein Drittel der Beziehungsdauer, lehrte uns Sex and the City. Michèle Loetzner widerspricht: Etwas mehr als drei Monate. In ihrem Buch „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“, das ich für die Welt besprochen habe, beschreibt sie, was dabei passiert und warum es doch sehr unwahrscheinlich ist, am Broken Heart Syndrome zu sterben.

Südtirol brennt

Man muss sich Doktor Werner Psenner als einen ehemaligen Bummelphilosophiestudenten vorstellen, der mit einem Trolley voller Schnaps über den Viktualienmarkt rollert oder mit dem Damenfahrrad von Wirtshaus zu Wirtshaus fährt, um seine Produkte an den Wirt oder die Wirtin zu bringen. „Das macht mir großen Spaß und ich kriege den ganzen Tratsch mit“, versichert der 47-Jährige im möglicherweise maßgeschneiderten Anzug. Für Mixology habe ich sein Familienunternehmen, die unweit von Bozen gelegene Brennerei Psenner besucht, und war begeistert von den Entertainmentqualitäten ihres Chefs.

Schlutzkrapfen und Speckknödel 2.0

Das waren noch Zeiten: Als man nicht nur zum Essen den Mund-Nase-Schutz abnehmen durfte. Für den Standard habe ich mich Ende Oktober und zugegeben schon zum zweiten Mal dieses Jahr durch Südtirol probiert. Bin mit Hannes Pignater von der zauberbergigen Adler Lodge Ritten zu seinen Produzenten gefahren – Davids Goashof und Harald Gasser vom Aspinger Hof – habe mich nicht nur wegen seiner alkoholfreien Cocktailbegleitung in das Restaurant 1908 verliebt, jede Gelegenheit zum Trüffeltaglioniessen genutzt, etwa im Brix 0.1,und mit Evelin Frank vom tollen Hotel Muchele über ihren Speckknödel 2.0 gesprochen.